Abweichen

Marc_Degens_Abweichen_Cover
Aufsätze. Erata 2009. Broschur, 136 Seiten.

»Ein munteres Pop-Potpourri mit einzelnen auch von Kulturkonservativen als bedeutend eingeschätzten Zwischenspielen, das vor allem belegt, wie ernst man populäre Kultur nehmen kann und muss.« (Andreas Platthaus, Frankfurter Allgemeine Zeitung)

»Fern jeder Nischen-Agitation präsentiert der Autor in prägnanter trockener Sprache seine Eindrücke, verknüpft diese fix mit der jüngeren Publikationsgeschichte, die jedes Objekt seiner Beobachtungen umgibt und ist sich nicht zu schade, das Wort ›schön‹ zu benutzen. Ganz schön angenehm. [...] Wer auch immer den Empfehlungen Degens’ folgt, trägt dazu bei, dass der Rand ins Zentrum rückt.« (Kay Ziegenbalg, literaturkritik.de)

»Kulturkritik als Kulturvermittlung statt Selbstdarstellung, das mag wenig zeitgemäß erscheinen, ist aber angenehm entspannend. Hier schreibt einer fachlich kompetent, unterhaltsam wie informativ und von einer aufrichtigen Begeisterung getragen, die in diesen Zeiten so selten geworden ist.« (Herbert Debes, Glanz und Elend)

»Die sich aufdrängende Frage hinter dem Degenschen Opus ist: Wo und wie finden derartige Abweichler heutzutage ihren Platz?« (Daniel Ketteler, Poetenladen)

Liquid Sky

Tonight Cubby took me to see the remastered addition of a cult favorite of mine, "Liquid Sky". This movie is a big influence on me. It was beautiful. Afterwards i got to get Slava and Anne's autograph on my vhs copy. This movie is important, it is a huge new wave fuck you to conformity, gender and sex norms. It has one of the most beautiful monologues about the psycology of costumes i quote to my students. Anne Carlisle told us this movie saved her life, before she wanted to die, but meeting the creative forces around this film inspired her again. So in the sprirt of my own recovery from wanting to die i will say this. I am very inspired, i am grateful and I will keep making art. #gradtitude #liquidsky #slavatsukerman #annecharlisle #burlesqueartist #mzkartanddesign #mattknifelikes #vhs #newwave

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James Kochalkas fünfzigster Geburtstag

Bis neun Uhr ausgeschlafen und um kurz nach zehn zum Frühstück. Traurige Nachricht auf Twitter: Denis Johnson ist im Alter von siebenundsechzig Jahren gestorben. »Train Dreams« ist eines meiner Lieblingsbücher und »Jesus’ Son« hat damals einen Rieseneindruck auf mich gemacht. Im Internet lese ich, dass Johnson »Jesus’ Son« geschrieben hatte, um seine Steuerschulden zu bezahlen: »Jesus’ Son was an act of literary desperation. There had been a second divorce and a call from the IRS asking him to please pay the $10,000 he owed. Bankrupt, Johnson turned to some ›memories‹ he’d jotted down years back – vignettes of his drug-abusing past that he never considered publishing – and sent them to The New Yorker. To his surprise, several were accepted. Fortified with $4,000, Johnson contacted Jonathan Galassi, his editor and the president of Farrar, Straus & Giroux. ›I told him, ‘I’ll make you a book of short stories; all you have to do is pay off the IRS.‹«

Überteuertes Frühstück in einem Pancake-Laden, danach Bummel durch die verregnete Innenstadt. Besuch einer Kunstgalerie, danach Einkehr in einer gemütlichen Teestube, in dem ein junger Mann mit Hut an einem Tisch sitzt und einen Stapel Papierbögen mit der Hand zusammennäht. Nachdem er am Tresen bezahlt hat, nimmt er seine Tasche und einen Geigenkoffer vom Boden und verlässt die Teestube – was für ein idyllisches Bild!

Auf Twitter lese ich einen Tweet von Austin Kleon (»Steal like an Artist«), der James Kochalka zum Geburtstag gratuliert und einen schönen Diary-Eintrag von ihm zitiert: »Maybe I don’t need to be an artist. I think I could be satisfied just with being an awesome dad«. Das führt zu meinen grundsätzlichen Gedanken, dass das Leben wichtiger als die Kunst ist und das Hauptwerk des Künstlers stets sein Leben sein sollte.

Austin Kleon zitiert zudem folgenden Satz von Kochalka: »Here’s what I’m trying to do with my life and my work. I’m trying to fully integrate everything. So the transition from work to play to everyday life is all seamless. So that it’s all one thing. There’s no difference between living and making art. I’ve gotten really close. Music, comics, writing, painting, playing with Eli, doing dishes, cooking, all that, fully integrated into one seamless unit. That’s pretty much my goal...«

Um Viertel nach sechs in die Stadt zum American Flatbread Restaurant, das uns James Kochalka empfahl, in dem sich aber eine Riesenwarteschlange gebildet hat. Wir gehen weiter, suchen und finden El Cortijo, ein mexikanisches Diner und ebenfalls eine Empfehlung von James, in dem wir glücklicherweise noch einen Platz finden. Das Essen ist hervorragend, hinterher machen wir noch einen kurzen Abstecher ins Hotel, laufen danach zum ArtsRiots und kommen dort um kurz vor zwanzig Uhr an.

Der Auftrittsort ist eine große scheunenartige Halle mit einer Bühne, einer kleinen Bar und mehreren Sitzecken. Es gibt auch noch eine angeschlossene zweite Bar und einen Freiluftbereich mit mehreren Foodtrucks. Der Konzertraum hat etwas von einer Dorfdisco und ist sehr gemütlich – so wie die ganze Stadt mit ihren Studenten, der Fußgängerzone, den Bergen und dem Lake Champlain. Insgesamt spielen am Abend vier Bands. Bevor das Konzert losgeht, spreche ich James Kochalka an, lasse mir die mitgebrachten Bücher signieren und kaufen ihm für sechzig Dollar ein winziges Bild ab. Er ist supernett zu mir und die ganze Atmosphäre extrem familiär. Ich sehen Amy, Eli, seine Bandkollegen, auch seine Mutter ist unter den Gästen.

Um kurz nach halb neun fängt die erste Band zu spielen an, danach spielt James Kochalka einen kurzen Gig mit seinen alten Bandkollegen: »Magic Finger«, »Hockey Monkey« und »Monkey vs. Robot«. Die Band ist großartig und hat viel Spaß, sie besteht aus Mitgliedern von The Zambonis, einer Gruppe, die nur Lieder über Hockey machen. Auf der Bühne ist ebenfalls der Multi-Instrumentalist und Musikproduzent Peter Katis, der auch Mitglied bei James Kochalka Superstar und The Zambonis war, schon Platinschallplatten erhalten und u.a. Alben von The National produziert hat.

Die Stimmung ist wunderbar und extrem ausgelassen. Danach spielen Uncle Monsterface aus Brooklyn, sehr lustig, zum Schluss James Kochalka mit seiner Band aus Burlington inklusive Jason Cooley, der in den Comics von James immer als Hund dargestellt wird. Es ist ein Mega-Auftritt mit vielen liebgewonnenen Liedern und ich filme mit meiner Kamera bestimmt den halben Auftritt. Mitten im Konzert macht James fünfzig Liegestütze und bekommt eine Geburtstagstorte überreicht.

Er verschenkt CDs, außerdem Poster und einen tollen Fungus-Druck, den ich bekomme. Um halb eins ist das Konzert zu Ende und wir sind ganz begeistert und glücklich. Erst auf dem Heimweg wird mir klar, wie viel James Kochalka mir bedeutet und welchen Einfluss seine Arbeit auf mich hatte: Seine Bücher und Gedanken – »Kissers«, »Quit your job« und »Craft is the enemy« – und die Intimität seines tägliches Internettagebuchs. Es ist nicht notwendig, dass ein Künstler, den man mag, sympathisch ist, aber es ist toll, wenn es so ist.

(Freitag, 26. Mai 2017, Burlington, Vermont)


Partizip Präsens

»Als ein Teilnehmer Herta Müllers Atemschaukel erwähnt, erzählt Goetz, zwar habe er das Buch nicht gelesen, aber während der Vorbereitung zu seiner Werkstatt habe er sich von Mitarbeitern des Szondi-Instituts erzählen lassen, wie es in Herta Müllers Werkstatt zuging, als sie 2005 Heiner-Müller-Gastprofessorin war. Dabei erfuhr er, dass Herta Müller das Partizip Präsens zutiefst verabscheut. ›Das fand ich einen guten Hinweis. Deswegen habe ich in meinem neuen Buch noch einige Präsenspartizipien entfernt.‹« (Jan Kedves, ›Auch aus dieser Welt einen Flash‹)


Meisterwerke, Vorbilder, Mentoren

Ich weiß nicht, ob es Meister gibt, auf alle Fälle gibt es Meisterwerke. Die »Römische Geschichte« von Theodor Mommsen zum Beispiel. Mommsen hat für sie zu Recht den Literaturnobelpreis erhalten. Die »Römische Geschichte« ist für mich eines der sprachlich schönsten Werke der deutschen Literatur. Ein anderes Meisterwerk ist »Die Traumdeutung« von Sigmund Freud. Der Siegeszug der Psychoanalyse hat auch viel mit Freuds Sprachkraft zu tun. Mich langweilen literarische Traumerzählungen in der Regel, doch »Die Traumdeutung« habe ich verschlungen.

Meisterwerke sind Fixpunkte. Autoren schreiben nicht in den leeren Raum, Autoren müssen sich immer wieder selbst verorten. Meisterwerke bieten Orientierung. Aber für meine alltägliche schriftstellerische Arbeit sind sie relativ unerheblich. Obwohl, etwas sehr Wichtiges habe ich aus Meisterwerken doch gelernt: Auch Meisterwerke können Schwächen und Fehler besitzen. Beispielsweise finde ich den Amerika-Teil in Louis-Ferdinand Célines »Reise ans Ende der Nacht« misslungen, trotzdem ist der Roman für mich ein Meisterwerk. Oder Robert Musils »Der Mann ohne Eigenschaften«: Der Roman franst aus, das ganze Romanvorhaben scheitert, dennoch ist »Der Mann ohne Eigenschaften« in meinen Augen ein Meisterwerk.

Aber als Vorbilder taugen diese Meisterwerke nicht. Warum nicht? Weil Vorbildhaftigkeit mit Zeitgenossenschaft zusammenhängt. Ich weiß nicht, wie Mommsen oder Italo Svevo oder James Joyce heute schreiben würden … Ich weiß auch nicht, ob mir ihre neuen Werke gefallen würden.
Vorbilder habe ich andere. Peter Handke zum Beispiel. Oder Rainald Goetz. Wobei sie weniger Einfluss auf mein Schreiben ausüben, als vielmehr auf meine schriftstellerische Haltung. Vorbildlich für mich sind ihre Vielseitigkeit, ihr Eigensinn und ihre Beharrlichkeit. Peter Handke und Rainald Goetz haben mich in dieser Hinsicht stark beeindruckt und beeinflusst.

Auch heutzutage entstehen Meisterwerke. Eckhard Henscheids »Trilogie des laufenden Schwachsinns« halte ich für ein Meisterwerk. Es gibt auch meisterhafte Erzählungen oder Gedichte, auch von jungen Autoren. Ich erfreue mich an diesen Werken, sie sind Ansporn, einige wecken meinen Neid – aber stärkeren Einfluss auf mein Schreiben haben die nicht meisterhaften Texte. Sie lese ich viel genauer. Ich entdecke in ihnen Dinge, die mich stören und ich frage mich, was ich anders gemacht hätte.

In eine Meisterschule bin ich nicht gegangen. Wobei ich durchaus glaube, dass man das literarische Schreiben erlernen kann – ja, ich glaube sogar, dass man als Schriftsteller nie ausgelernt hat. Das macht den Beruf phasenweise zwar unerträglich, es ist aber auch ein starker Antrieb und schützt vor Stagnation.

Am Anfang meines Schreibens habe ich viel imitiert und kopiert, bewusst und unbewusst. Eine lange Zeit habe ich versucht, wie Max Goldt zu schreiben. Das war sehr frustrierend, denn natürlich ist Max Goldt der bessere Max Goldt von uns beiden. Und ob dieses Imitieren tatsächlich hilfreich war, eine eigene Stimme auszubilden, wage ich zu bezweifeln. Es gibt meines Erachtens kürzere Wege zur Erkenntnis.

Einen Meister habe ich nicht gehabt, aber einen Mentor: Michael Rutschky. Ich kenne einige Autoren, die durch die so genannte »Rutschky-Schule« gegangen sind – ich glaube, dieses Wort ist tatsächlich angebracht. Ich habe Michael Rutschkys Bücher bewundert, ihn angeschrieben, damals war ich noch Student. Michael Rutschky wohnte in Berlin, ich im Ruhrgebiet, auf dem Germanistentag 1997 in Bonn haben wir uns das erste Mal getroffen. Ich wollte freier Autor werden, wusste aber nicht wie, natürlich hatte ich viele berechtigte Ängste. Immer wenn ich später in Berlin war, habe ich mich bei Michael Rutschky gemeldet, und er hat mich zum Bier eingeladen. Über meine Texte haben wir eigentlich nie gesprochen; er hatte einen Aufsatz von mir in seiner Zeitschrift »Der Alltag« veröffentlicht, das reichte mir als Bestätigung. Michael Rutschky hat mich gefördert, in dem er mich weiterempfahl, er hat mich beraten, oft vergeblich, und er hat mir viele Lektüretips gegeben. Am wichtigsten aber war für mich sein Vertrauen: »Herr Degens, Sie gehen schon ihren Weg.« Ohne diesen Satz wäre ich wahrscheinlich nie Schriftsteller geworden.

(Entstanden anläßlich eines Radio-Features zum Thema »Schüler und Meister« von Tobias Lehmkuhl)


Lesen

»Ich, das ist für Goetz eine höchst irritable Entität, die ein feines Sensorium benötigt. Er spricht von der individuellen Musikalität der Sprache, von der ›eigenen Innenmelodie‹, die sich bei jedem anders anhöre. Und er sagt: ›Die Arbeit des Schreibens ist dazu da, alles, was im Ich ist, zu widerlegen.‹ Nur wer viel lese und sich vom Gelesenen wieder freimache, könne Schreiben lernen: ›Lesen ist das Wichtigste. Lesen ist Ich-Auflösung, Ich-Aufgabe.‹« (Jan Kedves, ›Auch aus dieser Welt einen Flash‹)


Asozial

»Und dann sagt er etwas, dass mich an meiner eigenen Eignung als Schriftstellerin zweifeln lässt: ›Wenn man nicht ein von Grund auf asozialer Mensch ist, ist es schlecht mit dem Schreiben.‹ Laut Goetz sollte man Freude am Alleinsein haben, nicht mit Menschen zusammen sein müssen, seine Ruhe haben wollen.« (Insa Kohler, Geschichten aus dem ›Ich-Kabuff‹)