Barrie Phillip Nichol

Der Wecker klingelte heute bereits um fünf Uhr dreißig. Kaffee und lesen im Bett, danach Obstfrühstück und keine Morgengymnastik. Früh an den Schreibtisch, wo ich in einem Zug das angefangene neunzehnte Sadie-Kapitel roh zu Ende schreibe. Ich frage mich, wie lang der Roman am Ende werden wird. Vierhundert Seiten? Fünfhundert? Sechshundert?

In den letzten Tagen und Wochen habe ich viel über meine Situation und das Leben im Ausland nachgedacht. Karrieretechnisch ist der Schritt (Eriwan, Bonn, Toronto) für mich sicherlich eher ein Nachteil, ansonsten aber ein Riesengewinn – persönlich und damit letztlich auch literarisch. Vor allen Dingen gewinne ich dadurch Schreibzeit. Der Aufmerksamkeitsabfall führt zwar stellenweise zu einer Einschränkung des Selbstwertgefühls, kompensiert wird das allerdings durch mein schönes, entspanntes Leben. Um finanziell erfolgreicher zu sein, hätte ich nicht ins Ausland gehen dürfen, sondern in Berlin bleiben müssen. Das würde aber auch mehr Verpflichtungen, Lesungen und Schreibaufträge mit sich bringen, alles Dinge, die mich letztlich davon abbringen würden, das zu tun, was ich eigentlich tun will: Romane schreiben.

Um zehn Uhr ziehe ich mich an, kaufe in einem Schreibwarengeschäft schwarzen Karton als Hintergrund für die zu rahmende Comicseite von Gabrielle Bell und anschließend Obst bei Sweet Potato. Es ist ein schöner Tag. Nachdem es gestern fast den gesamten Tag über stark geregnet hat, scheint heute überraschenderweise die Sonne. Frohgelaunt bummle ich durch die Straßen. Auf dem Balkon eines Hauses sitzt eine junge Frau mit langen schwarzen Haaren, spielt Gitarre und singt dazu.

Abends mit der U-Bahn zur St. George Station. Ich schlendere in die bpNichol Lane und fotografiere das schöne, in den Beton eingelassene Gedicht. Danach hole ich Monika vom Empfang in der Munk School an. Wir laufen durch Harbord Village in das Mod Club Theatre in Little Italy. Der Abend ist wunderschön Zwei Lyrikerinnen auf einen Schlag. Das mitreißende Konzert von Kate Tempest und die Gespräche mit Monika, die ich so mag. Monika und ich reden über unsere Punkmusik-Vergangenheit, die Selbständigkeit und auch die Selbstzweifel, die einen immer wieder plagen. Monika erzählt, dass sie sich von einem Literaturpreisgeld einen schwarzen Jaguar gekauft habe – noch bevor sie ihren Führerschein besaß. Sie hatte ihn sogar noch später im Leben als ich gemacht und war wie ich durch die erste praktische Fahrprüfung gefallen. Ihr Freund wartete bereits mit dem schwarzen Jaguar auf dem Parkplatz.

Nach dem Konzert laufen wir zur Bushaltestelle und fahren mit dem Bus zur Ossington Station. Monika erzählt, dass sie einen Tag vor ihrer Toronto-Reise mit dem Rauchen aufgehört hat – nachdem sie letztes Jahr nach langer Abstinenz wieder damit angefangen hatte. Im U-Bahn-Tunnel verabschieden wir uns und fahren in entgegengesetzten Richtungen weiter.

Mittwoch, 5. April 2017, Toronto

bpNichol.Lane