Joachim Lottmann (* 1956-1959)

DEUTSCHE EINHEIT (1999)
DIE JUGEND VON HEUTE (2004)
ZOMBIE NATION (2006)

AUF DER BORDERLINE NACHTS UM HALB EINS (2007)
DER GELDKOMPLEX (2009)
HUNDERT TAGE ALKOHOL (2011)
HAPPY END (2015)

Trudeau Triumphs

Dienstag, 20. Oktober 2015, Toronto

Um fünf Uhr fünfundvierzig wachgeworden und aufgestanden. The Globe and Mail titelt »TRUDEAU TRIUMPHS«. Das Foto zeigt Justin Trudeau nach der Verkündung des Wahlergebnisses auf der Parteiversammlung von seiner pelzbemantelten Mutter umarmt und geküsst wird – im Hintergrund ein riesiges rotes Ahornblatt auf weißem Grund. Disco Chic trifft auf sozialistischen Realismus.

Um fünf Uhr Ortszeit, elf Uhr in Deutschland, ist die SUKULTUR-Pressemitteilung auf satt.org, Minimore und dem Hotlistblog veröffentlicht worden. Alexandra fragt mich, ob ich traurig bin, weil ich jetzt nach neunzehn Jahren die Herausgeberschaft der beiden Leseheftreihen abgebe, doch ich spüre in erster Linie Freude und auch ein bisschen Erleichterung. Beim Kaffee suche ich Adressen der Autoren und Illustratoren zusammen und verschicke um sieben Uhr zweiunddreißig meine Dank-Mail. Danach Schreibtisch, Social-Media-Kram und E-Mails. Ich bekomme einige Antworten, Glückwünsche und Fragen zur Manuskripteinsendung. Auf Minimore stelle ich neue Titel ein. Hinterher Spaziergang, Mittagessen und Mini-Einkauf bei No Frills. Im Antiquariat erstehe ich eine hübsche kleine Klassikerausgabe von Robinson Crusoe. Lesen und Schlaf, um vierzehn Uhr fünfundvierzig Fußball, Arsenal gegen Bayer, zwei zu null. Ich habe ein traumhaftes Leben, trotzdem fühle ich mich heute ein bisschen matt. Baseball und dabei die Korrekturen von Jan Drees aufbereitet und weggeschickt. Die Blue Jays gehen im vierten von maximal sieben Spielen mit vierzehn zu zwei gegen die Royals aus Kansas unter.

Um zwanzig Uhr dreißig fahre ich zum Peaches Konzert. Ich steige an der Sherbourne Station aus, schlendere über das Gelände einer koreanischen Kirche, dann laufe ich durch eine Hochhausgegend und komme mir vor wie im Märkischen Viertel. Der Konzertort, das Phoenix Concert Theatre, erinnert mich wiederum an den Festsaal Kreuzberg, er ist allerdings deutlich größer. An der Bar bestelle ein Bier und nehme es mit in den Saal. Die Vorband spielt schon. Deep Valley, zwei Frauen. Gesang, Schlagzeug, Gitarre, Rock’n’Roll. Schön laut und cool und trashig. Der ideale Soundtrack für das Shoxs oder Cherry Cola’s.

In der Umbaupause hole ich mir noch ein Bier und stelle mich mit Ohrstöpseln in die Mitte vor die Bühne. Mein Platz ist ideal, der Vorhang geschlossen. Um kurz vor zehn betritt die Mutter von Peaches in einem rotweißgestreiften Pullover die Bühne und liest eine Erklärung ihrer Tochter vor. Alle jubeln und freuen sich, weil der junge, schöne Justin Trudeau, die Hoffnung Kanadas, am Vortag die Wahl gewonnen hat. In beiden Händen hält Peaches’ Mutter eine Maple-Leafs-Nationalflagge und schwenkt sie wild, dann stimmt sie die kanadische Nationalhymne an und der ganze Saal fängt an zu singen. O Canada! Es ist ein absolut surrealer Moment und ich versuche mir vorzustellen, wie Rammstein am Tag nach der Bundestagswahl in der Waldbühne auftritt, der Vater von Till Lindemann eine Erklärung seines Sohnes vorliest, sich alle über den Wahlsieg der SPD freuen und zusammen Einigkeit und Recht und Freiheit anstimmen.

Langsam öffnet sich der Vorhang. Wie eine Außerirdische steht Peaches breitbeinig in der Mitte der Bühne. Der Beat dröhnt und hämmert und die Show beginnt. Rub. Rub. Rub. Bitch rub. Das Konzert ist eine wilde Fetischparty mit abgedrehter Musik und zwei hingebungsvollen Bühnentänzern. Vaginakostüme, blinkende Gebisse, Gruppensexchoreographien, Lovertits. Ich habe Peaches schon einmal vor vielen Jahren in Berlin gesehen, doch dieser Auftritt ist viel geiler. Plötzlich schwebt ein riesiges begehbares Kondom über unseren Köpfen und Peaches steht singend direkt über mir. Dick! Dick! Dick! Dick in the air! Alle tanzen. Ich bin auf dem besten Konzert seit The Knife und freue mich und bin auch ein bisschen erleichtert, denn die letzten Konzerte, die ich besucht hatte, hatten mir überhaupt nicht gefallen und ich wusste nicht, woran es lag, an mir und meinem Alter oder den Bands.

Peaches stellt sich an den Bühnenrand, öffnet zwei Champagnerflaschen, schüttelt sie und spritzt wie ein Formel-1-Rennfahrer ins Publikum. Die Bühne wird gestürmt und ist voll mit Tanzenden. Fuck the pain away. Peaches gibt mehrere Zugaben und singt in einem grünen Glitzeroberteil mit riesigen nackten Plastikbrüsten. Glücklich laufe ich hinterher zur Metrostation und kaufe mir in einem asiatischen Kiosk einen Mister Big-Schokoriegel. Mit der U-Bahn fahre ich heim und bin um kurz vor Mitternacht zuhause. Thank you so much, Toronto!

#peaches #thankyoutoronto

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No Frills

No Frills

Mittwoch, 21. März 2018, Toronto

Um sechs Uhr dreißig Wecker. Kaffee und lesen im Bett. E-Mails und Tweets. The Bulletin-Brief der Universität von Toronto hat folgende Schlagzeile: Today is the International Day for the Elimination of Racial Discrimination and World Poetry Day. Danach Apps. Tagesschau, The Guardian, The Washington Post, Frankfurter Allgemeine, Süddeutsche Zeitung. Per E-Mail sende ich mir einen Absatz aus dem Schachblog von Stefan Löffler: »Am eindeutigsten zuordnen lasse es sich, wenn jemand vom Brett wegschaut, erläutert Dilschneider: ›Links oben ist das visuelle Gedächtnis. Das sieht man vor allem in der Eröffnungsphase häufig, wenn Varianten abgerufen werden. Schaut er nach rechts oben, rechnet er. Augen nach unten heißt innerer Dialog. Dann ist er in der Bewertungsphase.‹«

Instagram, Feedly, Tumblr. Mini-Morgengymnastik und Obstfrühstück. Hinterher schreibe ich Kathrin Passig eine E-Mail, die ich schon am Sonntag schreiben wollte, bevor ich die traurige Nachricht vom Tod Michael Rutschkys erhielt. Balkon und Schreibtisch. Schließen der Tagebuchlücken der letzten Tage. Emergency Room, die Nacht im Krankenhausflur, vier Milligramm Morphium. Anschließend Arbeit am Thanksgiving-Text für die fünfundsiebzigste Ausgabe von Am Erker, der in gewisser Weise ein Spiegeltext zu diesem Journal für die Metamorphosen ist. Oft habe ich in den letzten Wochen darüber nachgedacht, welche Auswirkungen der Text auf meinen heutigen Tagesablauf haben wird. Dass er welche haben wird, steht für mich außer Frage. Mein erstes Tagebuch war ein in Kunstleder gebundener Terminplaner mit vorgegebenen Feldern für jede Stunde, in dem ich als Kind die Ereignisse der letzten Tage festhielt. Als ich alles aufgeschrieben hatte, hörte ich aber nicht auf, sondern machte einfach weiter und schrieb über meine Erlebnisse der nächsten Tage. Als schließlich mein Leben von dem Aufgeschriebenen abwich, beendete ich das Schreiben und warf das Tagebuch weg.

Vorbereitung des alle3-Hangouts. Eine Kulturassistentin von Radio Bremen schreibt uns bezüglich des 19. Internationalen Literaturfestivals Poetry On The Road, das vom »01. - 04. Juni 2017« in Bremen stattfinden soll: »Wir freuen uns sehr über die Teilnahme Ihrer Autorin Dagmar Kraus! Zur Vorbereitung der Moderatorinnen und Moderatoren auf die Veranstaltungen bitte ich um Zusendung von zwei Rezensionsexemplaren an untenstehende Adresse: revolvers für flubis. (= ›Schöner Lesen‹ Nr. 118), SuKuLTuR, Berlin 2013, ISBN 978-3-941592-49-0«
2017? Dagmar?

Mit dem Fahrrad zu No Frills. Großeinkauf mit James Brown, The Go-Gos, Frankie Valli, Sam & Dave.

Zum Mittagessen Tortellini-Salat und um dreizehn Uhr schöner anderthalbstündiger Hangout mit Frank und Torsten. Beschluss, mit unserem Shop von Magento zu Woocommerce zu wechseln. Skype-Telefonat mit meiner Mutter, danach ins Bett. Emmanuel Carrère weist im Interview in der Paris Review auf einen Schreibtipp von Ludwig Börne hin: »Nehmt einige Bogen Papier und schreibt drei Tage hintereinander ohne Falsch und Heuchelei alles nieder, was euch durch den Kopf geht. Schreibt, was ihr denkt von euch selbst, von euern Weibern, von dem Türkenkrieg, von Goethe, von Fonks Kriminalprozeß, vom Jüngsten Gerichte, von euern Vorgesetzten – und nach Verlauf der drei Tage werdet ihr vor Verwunderung, was ihr für neue, unerhörte Gedanken gehabt, ganz außer euch kommen. Das ist die Kunst, in drei Tagen ein Originalschriftsteller zu werden!«

Schlaf und Kaffee. Zweimal klingelt es unten an der Tür, aber ich mache nicht auf. Balkon und dann mit Tee weiter an Sadie. Als erstes trage ich die Korrekturen für das Trillaphon-Kapitel ins Manuskript ein, die ich vor zwei Wochen abends im Rivoli gemacht habe. Zum Schreiben brauche ich die Stille des Schreibtisches, doch zum Korrigieren suche ich gern laute Orte auf, volle Cafés, Bars, Diners oder U-Bahnen. Wenn der Romantext dieser Atmosphäre standhält, bewährt er sich überall. Das ist mein Lackmus-Test, denn so werden Romane heute oft gelesen: Unterwegs, im Gedränge und in einer Umgebung voller Ablenkungen und Störgeräusche. »Schreibe bei geschlossener Tür«, lautet ein Rat, an den sich Stephen King aus seinen Anfängen erinnert, »überarbeite bei offener Tür.«

Nach den Korrekturen schreibe ich weiter an Sadie. Früher hatte ich zwischen mir und meinen Romanfiguren gern eine Distanz geschaffen und sie in anderen Städten leben lassen, auch, um nicht mit ihnen verwechselt zu werden. Inzwischen leben Marthe, Sina, Scott und Bo sogar in unserer Wohnung und Alexandra träumt von ihnen. Um kurz vor sieben das dreißigste Kapitel vorläufig beendet und Feierabend. Ich esse den Rest Tortellini-Salat und Alexandra zeigt mir einen schönen Facebook-Post von René. Später fernsehen. Zunächst zwei Folgen Twin Peaks als Vorbereitung für unsere #roadtotwinpeaks-Tour im Mai von Toronto nach Snoqualmie. Albert Rosenfields Bekenntnis rührt mich erneut zu Tränen: »Now you listen to me. While I will admit to a certain cynicism, the fact is that I am a naysayer and hatchetman in the fight against violence. I pride myself in taking a punch and I'll gladly take another because I choose to live my life in the company of Gandhi and King. My concerns are global. I reject absolutely revenge, aggression, and retaliation. The foundation of such a method ... is love. I love you Sheriff Truman.«

Notiz:
- Warum so viel Englisch in deinen Comics?
- Ich bin ja keine Sprachumerzieherin, sondern dokumentiere einfach nur die Realität.

Zum Schluss eine Folge Survivor.

Erstveröffentlicht in metamorphosen 21 (Thema: Journal).