Einmaleins der Literatur

§ 10 Die Theorie
Nicht die Literaturtheorie ist wichtig, das Wichtige ist die Literatur. Literaturwissenschaftler sind Literaturleser, Literaturtheorie ist Literaturauslegung.

§ 9 Der Leser
Nicht der Literaturleser ist wichtig, das Wichtige ist die Literatur. Literaturleser sind Literaturkonsumenten. Literaturleser können sich in Literatur nicht wiederfinden; die Literatur findet sie.

§ 8 Der Händler
Nicht der Buchhändler ist wichtig, das Wichtige ist die Literatur. Was nicht ausliegt, wird auch nicht verkauft.

§ 7 Der Kritiker
Nicht der Literaturkritiker ist wichtig, das Wichtige ist die Literatur. Kein Literaturkritiker kann einen Bucherfolg verhindern. Der Literaturkritiker ist auf die Literatur angewiesen. Literaturkritiker können Literatur nicht entdecken; die Literatur entdeckt sie.
Zusatz: Es ist nicht tragisch, wenn Scheiße hochgejubelt wird. Es ist tragisch, wenn gute Sachen untergehen!

§ 6 Das Buch
Nicht das Buch ist wichtig, das Wichtige ist die Literatur. Es gab Literatur vor dem Buchdruck, es wird sie auch nach dem Buchdruck geben.

§ 5 Der Verlag
Nicht der Verlag ist wichtig, das Wichtige ist die Literatur. Verlegen kommt nicht von vorlegen. Bücher werden nicht von Verlegern gemacht, Bücher werden von Verlegern bezahlt.

§ 4 Der Lektor
Nicht der Lektor ist wichtig, das Wichtige ist die Literatur. Der Lektor ist kein Literaturmacher, der Lektor ist ein Literaturleser. Nicht die Literatur hat dem Lektor zu dienen, der Lektor hat der Literatur zu dienen.

§ 3 Der Agent
Nicht der Literaturagent ist wichtig, das Wichtige ist die Literatur. Es gibt keine schlechten Manuskripte, es gibt nur schlechte Agenten.

§ 2 Der Schriftsteller
Nicht der Schriftsteller ist wichtig, das Wichtige ist die Literatur. Der Schriftsteller lernt nie aus, ein Text ist nie fertig. Der Schriftsteller muß nicht reden, der Schriftsteller muß schreiben können. Schriftsteller sind nicht der Moral und der Ethik verpflichtet, Schriftsteller sind der Literatur verpflichtet.
Zusatz: Auch Rotgeld hilft.

§ 1 Die Literatur
Das Wichtige ist die Literatur. Jeder Text ist ein Experiment. Literatur macht nicht klüger, Literatur macht nicht besser. Es gibt keine realistische Literatur, Literatur ist Kunst. Kunst kann nicht falsch sein.

Josfried Alberding (Passau), Christoph Frenzel (Berlin), Matthias Heiermann (Berlin), Marc-Albrecht Jakiel (Nürnberg), Bodo Krahl (Berlin), Jörg Lepenies (Berlin), Arnd Lindner (Passau), Ralf Penker (Berlin), Maik Potthast (Halle), Oliver Rafelt (Berlin), Holger Schinschetzki (Berlin), Ingo Schmenk (Berlin), Hannah Stalherm (Passau), Thomas Wogersie (Hildesheim)

Dreizehn Männer und eine Frau verfassten gemeinsam an einem Wochenende auf Schloß Offenberg in Niederbayern die zehn Paragraphen des »Einmaleins der Literatur«. Darin bringen die Autoren ihre grundsätzlichen Ansichten zur Literatur zum Ausdruck. Das Manifest wurde später in mehreren deutschsprachigen Literaturzeitschriften veröffentlicht. »Es sind die kleinsten gemeinsamen Nenner«, erklärte Hannah Stahlherm kürzlich in einem Radiointerview. »Es handelt sich eigentlich um Banalitäten und Allgemeinplätze. Doch wenn man sich den Literaturzirkus näher anschaut, hat man den Eindruck, daß sie völlig unbekannt sind.«