Eriwan. Aufzeichnungen aus Armenien 3

Ausnahmezustand

Am neunzehnten Februar fanden die armenischen Präsidentschaftswahlen statt. Es war ein ungleicher Wahlkampf gewesen. Plakate und Fahnen des republikanischen Ministerpräsidenten Sersch Sargsjan dominierten vor der Wahl das Stadtbild, von den anderen acht Kandidaten war fast nichts zu sehen, bloß das Konterfei des Kandidaten des Koalitionspartners der Republikaner, Vahan Hovhannisjan von der Daschnaksutjun-Partei, sorgte hin und wieder für Abwechslung. Über den schärfsten Konkurrenten Sargsjans, den ehemaligen Präsidenten Levon Ter-Petrosjan, erfuhr man nur gerüchteweise. Da die Presse, insbesondere das armenische Fernsehen, von der Regierung kontrolliert wurde, ließ Ter-Petrosjan seine Wahlreden auf CD brennen und mit Hilfe von Taxifahrern verteilen.

Ter-Petrosjan war vielen Armeniern in schlechter Erinnerung, weil seine Regierungszeit von 1991 bis 1998 mit den so genannten dunklen Jahren zusammengefallen war, als es während des Krieges mit Aserbaidschan keine Elektrizität, kein Gas, keine Heizung und nur wenig zu essen gab. Ter-Petrosjan vertrat eine prowestliche Politik, die einen Ausgleich mit Aserbaidschan und der Türkei anstrebte, während Sargsjan für eine Fortsetzung der prorussischen Politik und einen aggressiven Konfrontationskurs gegenüber Aserbaidschan eintrat.

Vor den Wahlen gab es zahlreiche öffentliche Versammlungen von Regierungs- und Oppositionsanhängern, zur Teilnahme an den Kundgebungen für Sargsjan wurden viele Angestellte von staatlichen Einrichtungen regelrecht verpflichtet. Für die meisten unserer armenischen Freunde und Bekannten ging es bei der Wahl um die Frage, wer weniger Blut an den Händen hatte und darum, das größere Unheil zu verhindern.

Foto: U-Bahnschild. Aus: Eriwan. Kapitel 3. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Vor und nach dem Wahltag lag das Leben in Eriwan praktisch lahm, da die Wahlberechtigten dort wählen mussten, wo sie offiziell registriert waren. Die Studenten fuhren in ihre Heimatorte, viele Institutionen schlossen gleich für mehrere Tage. Auch das DAAD-Büro hatte am Wahltag nicht geöffnet, da im Vorfeld vor möglichen Unruhen gewarnt worden war. Zum Glück blieb alles ruhig.

Am Wahlabend schauten wir fern, um herauszufinden, wer gewonnen hatte. Um die Ordnungsmäßigkeit der Stimmabgabe und der Auszählung zu verdeutlichen, wurden unspektakuläre Bilder aus Wahllokalen in Eriwan und den Provinzen gezeigt. Dazu wurden ohne Unterbrechung die Auszählungsergebnisse aus den einzelnen Wahllokalen verlesen und ganz selten eine unscharf ausgedruckte Grafik eingeblendet, die wir an unserem Fernseher nicht entziffern konnten. Es war alles mehr Radio als Fernsehen. Erst am nächsten Tag erfuhren wir das offizielle Ergebnis, danach hatte Sargsjan dreiundfünfzig Prozent und Ter-Petrosyan einundzwanzig Komma fünf Prozent der Stimmen erhalten.

Sofort wurden Zweifel am Wahlergebnis laut. Unabhängige Internetmagazine berichteten von Einschüchterungsversuchen und Gewalt gegen Oppositionelle, teilweise sollten Ter-Petrosjan-Anhänger vor den Wahllokalen abgefangen und vor die Stadtgrenzen transportiert worden sein. Universitätsdozenten erzählten, dass ihnen für ihre Stimme zehntausend Dram, knapp zweiundzwanzig Euro, angeboten worden seien.

Am Tag nach der Wahl war die Baghramjan-Straße, an der das Parlament, der Präsidentensitz und Alexandras Büro lagen, von Soldaten gesäumt. Diese waren von der aserbaidschanischen Grenze abgezogen und mit klapprigen, gasbetriebenen Bussen in die Hauptstadt transportiert worden. Der restliche Verkehr zwischen den Provinzen und Eriwan und zeitweise auch der U-Bahnverkehr in die Außenbezirke war unterbrochen worden, um die Bürger von der Teilnahme an Protestkundgebungen in der Innenstadt abzuhalten.

Am Freiheitsplatz an der Oper hatten sich mehrere tausend Menschen versammelt, um gegen Stimmenkauf, Wahlbetrug und staatliche Übergriffe zu demonstrieren. Auf den Stufen der Oper standen gewaltige Lautsprecherboxen, es wurden Reden gehalten, Plakate hochgehalten und »Levon! Levon!« gerufen. Dann setzten sich die Demonstranten in Bewegung und marschierten Richtung Republiksplatz. Aus den Lautsprechern erklang armenische Techno-Musik, doch die Stimmung war weder ausgelassen noch siegessicher, sondern bedrückend.

Foto: Republiksplatz. Aus: Eriwan. Kapitel 3. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Der OSZE-Bericht beurteilte die Wahlen als den »Bemühungen Armeniens zu demokratischen Verfahren« gemäß, wies aber auch auf Unregelmäßigkeiten hin. Der zurückhaltende Bericht sei darauf zurückzuführen gewesen, erklärte man uns, dass sich die Wahlbeobachter aus den verschiedenen Staaten uneins über die Beurteilung gewesen seien. Der Bericht war allerdings wesentlich schärfer als der zu den Parlamentswahlen im vergangenen Jahr und stellte einen deutlichen Rückschritt fest, dennoch diente er dem Sargsjan-Lager sogleich als Beweis für die Rechtmäßigkeit der Wahlen.

In den nächsten Tagen fanden am Freiheitsplatz jeden Nachmittag Versammlungen und Kundgebungen statt, in deren Anschluss die Menschen zum Republiksplatz zogen, gleichzeitig kam es zu Gegendemonstrationen von Sargsjan-Anhängern. Die Deutsche Botschaft empfahl, sich von allen Massenkundgebungen fernzuhalten. Ein Zeltlager am Freiheitsplatz wurde errichtet. Tagsüber blieb es in der Stadt meist ruhig und bei den Demonstrationen sah man praktisch keine uniformierten Polizisten oder Soldaten, doch nachts wurden laut Medienberichten Oppositionspolitiker und Journalisten verhaftet und teilweise auch misshandelt.

Soldaten, die in den Bussen campierten, säumten auch eine Woche nach den Wahlen noch die Baghramjan-Straße. Als in Alexandras Büro der deutsche Kurzzeitdozent verabschiedet wurde, kamen mehrere der eingeladenen armenischen Professoren direkt von den Demonstrationen aus der Innenstadt und berichteten, dass sie von Polizisten nach dem Grund ihres Aufenthaltes in der Stadtmitte befragt und ihre Autokennzeichen aufgeschrieben worden waren.

Die Situation eskalierte in der Nacht von Freitag, dem neunundzwanzigsten Februar, auf Samstag, den ersten März. Soldaten räumten in den frühen Morgenstunden das Zeltlager am Freiheitsplatz, dabei kam es zu blutigen Auseinandersetzungen. Levon Ter-Petrosjan, der sich ebenfalls in dem Lager auf dem Freiheitsplatz aufgehalten hatte, wurde festgenommen und unter Hausarrest gesetzt.

Jeeps der Polizei wurden in Brand gesteckt. Nach offiziellen Angaben gab es einunddreißig Verletze, darunter sechs Polizisten. Demonstranten versammelten sich daraufhin am Mjasnikjan-Denkmal in der südlichen Innenstadt in der Nähe der Französischen Botschaft und des Congress-Hotels. Zwei der unterlegenen Präsidentschaftskandidaten begannen Koalitionsgespräche mit der republikanischen Regierungspartei, gleichzeitig kam es in Gjumri, der zweitgrößten Stadt Armeniens, zu Solidaritätskundgebungen mit den Protestierenden.

Foto: Brennender Jeep. Aus: Eriwan. Kapitel 3. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Am Nachmittag fuhren wir mit der U-Bahn zum Mjasnikjan-Denkmal, um uns selbst ein Bild von der Lage zu machen. Die Lusavorich-Straße, benannt nach dem ersten Oberhaupt der Armenischen Apostolischen Kirche, war voller Müll, angeblich handelte es sich dabei um die Reste des geräumten Zeltlagers am Freiheitsplatz. Militär-Jeeps brannten. Die unversehrten Fahrzeuge wurden von Dutzenden Menschen umringt, die Neuigkeiten aus dem Autoradio erfahren wollten.

Am Mjasnikjan-Denkmal hatten sich viele tausend Menschen versammelt. Männer waren mit Eisenstangen bewaffnet und auf der Straße lagen brennende Polizeikappen. Aus umgestürzten Oberleitungsbussen waren Barrikaden gebaut worden. Neue Barrikaden wurden am Schahumjan-Denkmal errichtet. Wir suchten Schutz im Congress-Hotel und beobachteten aus den Fenstern das Geschehen. Als wir gegen sechs Uhr das Hotel verließen, mahnten uns die Hotelangestellten, unbedingt vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause zu sein. Vor dem Regierungssitz am Republiksplatz standen Hunderte behelmter Soldaten mit Knüppeln und Schilden, andere Soldaten warteten auf dem Platz vor der Oper auf ihren Einsatz. Viele Geschäfte in der Innenstadt hatten aus Sicherheitsgründen vorzeitig geschlossen.

Foto: Mjasnikjan-Denkmal. Aus: Eriwan. Kapitel 3. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Zuhause angekommen lasen wir sogleich unsere bevorzugten armenischen Online-Nachrichtenmagazine, konnten aber keine Neuigkeiten entdecken. Um kurz nach dreiundzwanzig Uhr erhielten wir einen Anruf von Bianca, die uns informierte, dass der Ausnahmezustand in Eriwan verhängt worden sei. Alle Kundgebungen, Demonstrationen und sonstigen Versammlungen waren von nun an untersagt, auch das Verbreiten von Flugblättern und Druckwerken. Den Behörden war es jetzt erlaubt, »gewaltbereite Personen« aus den Provinzen, die sich in Eriwan aufhielten, abzuschieben. Ebenso konnte der Verkehr zwischen der Hauptstadt und den Provinzen jederzeit unterbrochen werden. Da die Medien nur noch offizielle Meldungen verbreiten durften, wurde es für uns nun noch schwieriger, unabhängige Nachrichten zu erhalten.

Foto: Überblick. Aus: Eriwan. Kapitel 3. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Eine deutsche Infotelefonkette sei eingerichtet worden und Bianca bat uns, als nächstes die Fachberaterin für das deutsche Sprachdiplom anzurufen. Zur selben Zeit erhielten wir eine E-Mail vom Konsulatssekretär der Deutschen Botschaft. Er informierte uns über den am Abend für zwanzig Tage verhängten Ausnahmezustand und berichtete, dass die Demonstranten, die sich im Gebiet rund um das Schahumjan-Denkmal in der Nähe des Congress-Hotels versammelt hatten, eingekesselt worden seien. Seitens der Sicherheitskräfte seien immer wieder Schüsse gefallen und mindestens ein Demonstrant sei bereits ums Leben gekommen. Der Konsulatssekretär empfahl uns, das Haus bis auf weiteres nicht mehr zu verlassen.

Nach den verheerenden Ausschreitungen mit nach offiziellen Angaben acht Toten – fünf Demonstranten, zwei Unbeteiligten und einem Polizisten – wurde die starke Präsenz von Militär und Polizei in der Stadt für drei Wochen zum Normalzustand. Die Stimmung in unserem Freundes- und Bekanntenkreis war bedrückt. Alle waren schockiert darüber, dass eine solche Eskalation in Armenien möglich war.

Über Ursachen und den Verlauf des Geschehens erreichten uns von allen Seiten unterschiedliche Meinungen, Berichte und Eindrücke. Angefacht wurde das Gerüchtefeuer zudem durch die verhängte Nachrichtensperre. Die Presse durfte nur noch offizielle Meldungen bekanntgeben und der Zugang zu kritischen Internetseiten sowie zu einigen Fernsehsendern, darunter CNN, wurde gesperrt. In einem Briefing der Deutschen Botschaft wurde uns versichert, dass die Lage ernst, aber für die in Armenien lebenden Ausländer nicht unmittelbar gefährlich sei. Man solle sich aber angesichts der anrollenden Verhaftungswelle mit politischen Meinungsäußerungen zurückhalten, von Massenversammlungen fernbleiben und auf keinen Fall Fotos von Polizei und Militär machen. Nachdruck bekam diese Warnung durch den Bericht einer Bekannten, die beobachtet hatte, wie ein Fotograf von Soldaten zusammengeschlagen worden war.

Die Meinungen, wer für die Eskalation der Gewalt verantwortlich sei, gingen weit auseinander. Wir waren am Samstagnachmittag selbst Zeuge des Barrikadenbaus geworden, doch zu diesem Zeitpunkt sollen angeblich schon Panzer auf dem Weg in die Hauptstadt gewesen sein, also noch bevor der Ausnahmezustand ausgerufen wurde. Die Gewaltbereitschaft der Demonstranten war durch die Auflösung des Zeltlagers am Freiheitsplatz am Samstagmorgen mitverursacht worden, worauf auch der armenische Ombudsmann für Menschenrechte hinwies und auf eine Untersuchung drängte, die die Versäumnisse seitens der Polizei und des Militärs mit einbezog.

Foto: Barrikadenbau. Aus: Eriwan. Kapitel 3. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Eine Freundin, die dreihundert Meter vom Geschehen mitten im Zentrum von Eriwan wohnte, hatte uns von dem gewaltsamen Zusammenstoß von Militär und Demonstranten berichtet. Bis fünf Uhr morgens hatte sie vor ihrem Fenster Schüsse, Gewehrsalven, Schreie und sogar Granateinschläge gehört. Ihr hatte man erzählt, dass Aufwiegler in Autos durch die Menge gefahren seien und geschossen hätten. Von anderer Seite hörten wir von provokativem Einsatz von Leuchtmunition durch das Militär. Wir sprachen mit einer armenischen Freundin, deren Mann sich mit ihrem Sohn in der Paronyan-Straße aufgehalten und vom Balkon aus beobachtet hatte, wie zwei Menschen auf der Straße erschossen worden seien. Eine andere Freundin berichtete, dass sie von ihrem Balkon gesehen hatte, dass die Demonstranten den Kampf eröffnet hätten. Die ersten vier Reihen der Polizisten sollen dabei unbewaffnet gewesen sein.

Am Sonntag standen Panzer vor Alexandras Büro. Den ganzen Nachmittag sahen wir im armenischen Fernsehen Aufnahmen der Ausschreitungen. Erstaunt waren wir, dass in der Zwanzig-Uhr-Tagesschau der ARD kein Bericht über den Ausnahmezustand in Armenien gezeigt wurde, dafür aber ein Beitrag über Pfandflaschen und über die Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille. Ansonsten drehte sich in der Nachrichtensendung fast alles um den Lokführerstreik.

Die im armenischen Fernsehen in aller Ausführlichkeit dokumentierten Plünderungen schienen systematisch vorbereitet worden zu sein und betrafen eigentlich nur vier Geschäfte: Die Zentrale eines Mobilfunk-Betreibers, einen Süßigkeitenladen, ein Schuhgeschäft sowie einen Supermarkt, deren Inhaber angeblich die Regierungspartei stützende Oligarchen gewesen waren. Nur siebzig bis achtzig Radikale sollen in der Nacht von Samstag auf Sonntag nach drei Uhr auf der Straße gewesen sein; Plünderer, die wohl nicht mit den Demonstranten identisch gewesen waren. Als wir am Montag durch die Maschtoz-Straße fuhren, waren wir jedenfalls überrascht, wie gering die Schäden im Vergleich zu den Fernsehbildern waren.

Nach den Ausschreitungen wurden mehrere oppositionelle Dozenten an den Universitäten entlassen und Parlamentsabgeordnete verhaftet. Eine Klage gegen das Wahlergebnis vor dem armenischen Verfassungsgericht hatte keinen Erfolg und das Presse- und Versammlungsrecht wurde vor Ende des Ausnahmezustands offiziell eingeschränkt. Als im April schließlich Sersch Sargsjan als neuer Präsident Armeniens vereidigt wurde, waren die Zufahrten nach Eriwan erneut gesperrt und viele Menschen trauten sich nicht auf die Straße. Nicht nur bei uns hinterließ das große Feuerwerk am Abend einen schalen Beigeschmack. Eine Entschuldigung oder Gedenkminute für die Opfer des ersten März gab es nicht.

Oberflächlich kehrte wieder Ruhe in das Land ein. Das Leben ging seinen gewohnten Gang, trotzdem fühlten sich viele unserer armenischen Freunde und Bekannten von dem Verhalten der Regierung gedemütigt und von der Weltöffentlichkeit im Stich gelassen. In Armenien gab es ein großes Bedürfnis nach demokratischen Reformen, doch zu ihrer Durchsetzung fehlte es an einem glaubwürdigen und unbelasteten Oppositionsführer. Zudem erschwerte die komplizierte außenpolitische Lage die Durchsetzung innenpolitischer Reformen.

Foto: Wäscheleine. Aus: Eriwan. Kapitel 3. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Als ich wie geplant im März nach Deutschland flog, blieb Alexandra ohne Pass in Eriwan zurück, weil es für sie in Armenien nicht möglich war, ein Visum für Kasachstan zu bekommen und sie ihren Pass kurz vor Ausrufung des Ausnahmezustands an die zuständige Botschaft in Berlin geschickt hatte. Sie verbrachte viel Zeit im Büro und kam oft erst um acht Uhr abends nach Hause, auch, um so unserer Vermieterin Sirousch zu entgehen. Mit ihrer lauten Stimme tyrannisierte Sirousch die gesamte Nachbarschaft. Am achten März, dem armenischen Frauentag, klingelte sie Alexandra morgens aus dem Bett, um mit ihr einen Kabuff auf unserem Balkon aufzuräumen. Unter fortwährendem Klagen schmiss Sirousch alten Krempel unserer Vormieter auf den Boden und wollte von Alexandra wissen, was das alles sei. Die einzige Lösung des Problems war es, den ganzen Kram zwei Etagen tiefer in Sirouschs Wohnung zu tragen, wo er nun weiter verrotten durfte.

Obwohl die Emanzipation in Armenien nicht gerade große Fortschritte machte, gab es dort gleich zwei Frauentage: Den internationalen Frauentag am achten März und den armenischen Frauentag am siebten April, auch »Schönheitstag« genannt. Gerne brüsten sich die Armenier damit, sie hätten einen ganzen »Frauenmonat«. Außer dem Verteilen von Glückwünschen, Blumen- und Pralinengeschenken schienen die Tage allerdings keine weitere Funktion zu haben.

Alexandras achter März hatte ungemütlich begonnen, nahm aber noch ein schönes Ende. Abends hatte die deutsche Botschafterin zu einem informellen Essen eingeladen und tischte dabei rheinische Spezialitäten auf. Beeindruckt war Alexandra besonders von der indischen Botschafterin, die sich um eine Stunde verspätete, in ihrem rosafarbenen Sari in den Empfangsraum rannte, der deutschen Botschafterin um den Hals fiel und sich vielmals entschuldigte. Außer der ebenso herzlichen wie witzigen Inderin waren auch noch einige beeindruckende Frauen aus der armenischen Politik gekommen, die später erschöpft von dem guten Essen und den politischen Ereignissen in den gemütlichen Sesseln vor dem Kamin Platz nahmen und faszinierende Geschichten erzählten.

Foto: Eriwaner Denkmal. Aus: Eriwan. Kapitel 3. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Gestärkt von so viel Frauenpower konnte Alexandra in der nächsten Zeit auch den Wahnsinn mit Sirousch durchstehen. Da ihr das Aufräumen so viel Spaß gemacht hatte, klingelte Sirousch von nun an täglich bei uns, um die Wohnung zu kontrollieren. Lief das Wasser ordentlich ab und stand nicht noch ein leerer Karton auf dem Balkon? Eines vormittags stand Sirousch heulend auf der Straße, weil eine Wand in ihrer Wohnung eingestürzt sei. Besorgt, denn immerhin wohnten wir über ihr, rief Alexandra sogleich Sirouschs Tochter in Moskau an. Glücklicherweise stellte sich später heraus, dass es sich bei der eingestürzten Wand nur um ein kleines Mäuerchen in Sirouschs Garten handelte.

Ohne meinen Beistand hatte Alexandra auch eine Begegnung mit der fremdartigen Tierwelt Armeniens zu überstehen. Eines morgens stieg sie, die mit minus zehn Dioptrien ohne Brille praktisch blind war, in die Wanne, um zu duschen. In der Nähe des Abflusses bemerkte sie ein braunes Büschel, das sie zunächst für Haare hielt. Da sich das Büschel jedoch verdächtig bewegte, verließ Alexandra vorsichtshalber die Wanne und griff zur Brille. Tatsächlich handelte es sich bei dem vermeintlichen Haarbüschel um einen zehn Zentimeter langen Skorpion. Glücklicherweise war er dünn genug, um mit der Brause in den Abfluss gespült werden zu können.

Nach der Buchmesse in Leipzig verbrachte ich noch eine knappe Woche in Berlin. Ich besuchte meine Zahn- und Hausärztin, erneuerte im Tropeninstitut meine Hepatitis-Impfung, verpokerte vierzig Euro, regelte mit Frank und Torsten dringende Verlagsangelegenheiten und schickte meine vom Finanzamt bereits angemahnte Steuererklärung für das vorletzte Jahr ab. Am Gründonnerstag stellte ich dann meinen Roman »Hier keine Kunst« in den Räumen der S3 Literaturwerke in Anwesenheit vieler Freunde und Kollegen vor. Mein Fernsehauftritt im Spartensender Lettra wurde kurzfristig leider abgesagt, da das Amtsgericht Charlottenburg in der Woche zuvor die vorläufige Insolvenzverwaltung für den Literaturkanal angeordnet hatte.

Vor meiner Rückkehr arbeitete ich eine umfangreiche Einkaufsliste mit Dingen ab, die es in Eriwan nicht oder nur teuer zu kaufen gab. Heftstreifen, Trennblätter, Magnesium-Tabletten, DVD-Rohlinge, Pfefferminzöl, Elmex Gelee, Olbas, Lorbeerblätter, Hautöl, Schaumfestiger, After Shave und Feuchtigkeitscreme. Angesichts der vielen Feiertage konnte ich allerdings nicht alles besorgen, so dass wir auch in Zukunft auf ein neues Glas mit indischer »Hot Curry«-Sauce, Staubtücher, Rauch- und Brandmelder und einen lautlosen Reisewecker verzichten mussten.

Mit gelben Fingern vom Dauerschnorren und Kettenrauchen flog ich Ostermontag nach Armenien zurück. Ich war schwer bepackt und in meinem Rucksack befanden sich ein iBook und zwei volle Festplatten mit achtzig und fünfhundert Gigabyte. Die Gepäckkontrolle dauerte diesmal etwas länger. Ich wurde in einen Nebenraum am Flughafen geführt, ein Mann saugte mit einem großen Rohr die Festplatten und meinen Computer ab und übertrug die Saugspuren anschließend auf ein Stück gewöhnlicher Küchenrolle, das in einer Maschine analysiert wurde. Schließlich folgte die Entwarnung. Ich hatte keinen Sprengstoff in meinen Geräten versteckt und durfte weiterreisen.

Es war eine schöne Zeit in Deutschland gewesen, trotz der U- und S-Bahnstreiks in Berlin und trotz des schlechten Wetters, das leider auch in Eriwan nicht viel besser gewesen war. Kaum war ich nach Eriwan zurückkehrt, wurde es allerdings wärmer und wir erfreuten uns an dem Frühsommer und dem Balkonbadehosenwetter. Die Bauarbeiten ums uns herum hatten auch wieder angefangen, links und rechts wurde gehämmert, geschliffen und gemalt, von vormittags bis zum Sonnenuntergang, sieben Tage in der Woche. Wir aber ließen uns davon nicht beirren, dafür war unser Ausblick auch einfach viel zu schön. Eines frühen Morgens zogen sogar mehr als ein Dutzend Heißluftballons ganz nah an unserer Terrasse vorbei. Die Ballonfahrer winkten, wir hörten das Rauschen der Brenner und winkten zurück.

Foto: Heißluftballons. Aus: Eriwan. Kapitel 3. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Auch wenn es zwischendurch immer mal wieder regnete und die Temperaturen empfindlich sanken, genossen wir die nächsten Wochen in Eriwan sehr. Sonntags waren wir im Aquatek-Park mehrfach Schwimmen und Saunen gewesen und dank eines Tipps von Gagik, dem armenischen Fahrer der Deutschen Botschaft, konnte ich im Fernsehen auch das desaströse Ausscheiden von Schalke gegen Barcelona miterleben, da wir über die normale Hausantenne mehrere armenische Sender empfangen konnten, die die Champions Legaue-Spiele unverschlüsselt und parallel ausstrahlten. Überhaupt war das Abendessen bei Gagik und seiner Frau Nelli sehr aufschlussreich gewesen. Ich erklärte dem Hiphop machenden Sohn der beiden die Vor- und Nachteile der Gema und wurde zum Schluss in den Kader der Fußballmannschaft der Deutschen Botschaft berufen.

Anfang April war eine Fahrt nach Vanadsor, der drittgrößten Stadt Armeniens geplant, wo Alexandra an zwei Universitäten die Stipendienprogramme des DAAD vorstellen wollte. Bevor die knapp eineinhalbstündige Autofahrt losgehen sollte, ging Alexandra ins Büro, das sich der DAAD und die Tempus-Organisation teilten, um noch letzte Hand an ihre Powerpoint-Präsentation zu legen. Als sie dort ankam, bekam sie einen Schock. Es herrschte Chaos, in der Nacht war in dem Büro eingebrochen worden und überall auf dem Boden lagen Papiere und Bücher herum. Die Diebe hatten das Fenstergitter im Tempus-Büro aufgebogen und waren durch das leicht zu öffnende, weil schlecht schließende Fenster eingestiegen.

Immerhin hatten Alexandra und die anderen Glück im Unglück. Die Diebe hatten es nur auf Geld abgesehen, die Computer, Laptops, der Videobeamer und auch eine Digitalkamera wurden nicht gestohlen. Eine Geldkassette des Alumnivereins mit achtzig Euro war aufgebrochen und geleert worden, außerdem wurden etwa einhundert Euro aus Alexandras Schreibtisch geklaut. Es wurde auch nicht randaliert und kaum etwas beschädigt, im Gegenteil, die Diebe gingen sehr umsichtig zu Werke und räumten sogar die Laptops und Computerbildschirme zur Seite, um sie nicht zu beschädigen. Das Hauptaugenmerk der Diebe lag auf dem Wandtresor in Alexandras Büro, zu dem allerdings niemand den Code kannte und der deshalb auch nicht in Benutzung war. Trotz schweren Werkzeugs gelang es den Tätern nicht, den Tresor zu öffnen, allerdings rissen sie beim Aufbruchsversuch die nicht funktionierende Heizung aus der Wand.

Foto: Wandtresor. Aus: Eriwan. Kapitel 3. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Um neun Uhr trafen Edik, die Putzfrau Emma, unser Freund Arto und ich im Büro ein. Nach etwa zwanzig Minuten gelang es uns, die Polizei zu verständigen. Inzwischen waren auch Lana vom Tempus-Büro und Meri im Büro angekommen. Alexandra telefonierte mit der Botschaftsvertreterin, um das weitere Vorgehen abzustimmen und erörterte die Frage, ob Anzeige erstattet werden sollte oder nicht. Der Verlust war gering, ein Schadensersatz nicht zu erwarten und der bürokratische Aufwand würde bestimmt enorm sein, trotzdem riet die Botschaftsvertreterin zur Anzeige, auch um sich vor allen Eventualitäten zu schützen.

Eine halbe Stunde nach dem Telefonat trafen zwei Polizisten im Büro ein, um den Tatort zu inspizieren. Die Polizisten waren freundlich und da einer der beiden mit einem DAAD-Stipendiaten verwandt war, legten sie sich mächtig ins Zeug. Am Nachmittag sollte die Spurensicherung ins Büro kommen, außerdem sollten am nächsten Tag sämtliche DAAD-Mitarbeiter zur Aussagenaufnahme aufs Revier gehen, wo ihnen auch Fingerabdrücke abgenommen werden würden. Die Zeit drängte. Um halb elf brachen Arto, Meri, Alexandra und ich endlich nach Vanadsor auf. Die beiden Präsentationstermine waren bereits um zwei Stunden nach hinten verschoben worden. Arto holte aus seinem Vento alles heraus. In Armenien hieß Volkswagen übrigens Eurowagen.

Die Fahrt nach Vanadsor führte uns auch an Spitak vorbei, dem Epizentrum des verheerenden Erdbebens von 1988, dem mindestens fünfundzwanzigtausend Menschen zum Opfer gefallen waren. Arto hatte damals als Student bei den Aufräumarbeiten geholfen und erzählte uns von seinen schrecklichen Erlebnissen. In Spitak und Vanadsor waren immer noch Schäden des Bebens sichtbar.

Als wir endlich mit großer Verspätung an der Polytechnischen Hochschule in Vanadsor ankamen, wurden wir bereits erwartet.
Ein Kamerateam filmte Alexandras Ausstieg aus dem Auto und ihren Gang in das Universitätsgebäude. Es war Stress pur. Achtzig Studenten saßen bereits in dem Raum und Arto und ich versuchten fieberhaft, den Dell-Laptop an den mitgebrachten Beamer anzuschließen. Obwohl am Vortag alles wunderbar funktioniert hatte, klappte es diesmal nicht. Erst als Alexandras Vortrag vorbei war, gelang es Arto und mir, ein Bild auf die Leinwand zu projizieren. Trotz der technischen Panne lief ansonsten alles prima, nach dem Vortrag gab es Kaffee und Kuchen im spartanisch eingerichteten Rektorenzimmer und Alexandra musste dem lokalen Sender »Lori TV« ein Interview geben.

Weiter ging es zur Pädagogischen Hochschule, wo es diesmal keinen Ärger mit der Technik gab. Auch hier trafen wir wieder auf sehr herzliche Studenten und Professoren, von denen uns einige hinterher zu einem leckeren Mittagessen in ein Ausflugrestaurant einluden. Das Essen wurde in einem Hotelzimmer serviert, das mit einem angeschlossenen Schlafzimmer und einem Bad mit einer avantgardistischen Zweipersonen-Massagedusche ausgestattet war. Nach Dutzenden die deutsch-armenische Freundschaft beschwörenden Toasts ging es zurück auf die Straße und Arto fuhr uns durch den schönen Dilidschan-Nationalpark, die »armenische Schweiz«, wo wir ein entlegenes Kloster besichtigten, bevor wir die Heimfahrt nach Eriwan antraten.

Foto: Autoausflug. Aus: Eriwan. Kapitel 3. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Den anschließenden Samstag verbrachten Alexandra, Meri, Emma und Edik in der Polizeistation von Arabkir. Auf ziemlich niedrigen Stühlen saßen Meri und Alexandra zwischen Massagematten, Nebelmaschinen und diversen Einbruchwerkzeugen in einem Büro und machten ihre Aussage. Alexandras Aussagen wurden dabei von Meri ins Armenische übersetzt. Der Polizist machte sich währenddessen Notizen und fasste die Aussagen anschließend auf Armenisch zusammen. Diese Zusammenfassung diktierte er Meri, die die Sätze mit der Hand aufschreiben musste. Das Diktat war am Ende sechs Seiten lang und dauerte über eine Stunde. Danach wurden Emma und Edik zur Aussage und Diktat ins Büro gebeten und kamen erst nach vier Stunden wieder heraus.

In der Zwischenzeit wurden Meri und Alexandra aufgefordert, ihre Fingerabdrücke abzugeben. Die beiden wurden in einen Raum mit einem Pult geführt, auf dem ein aufgeschlagenes Buch mit weißen Seiten lag. Die Handflächen von Meri und Alexandra wurden komplett mit einer feuchten, aschefarbigen Paste eingeschmiert, dann mussten die beiden hintereinander ihre Hände auf die Buchseiten pressen. Das Ganze erinnerte an ein Kindergeburtstagsfest, weniger spaßig war allerdings die Reinigung der Hände. Auch mit Wasser und Seife und langem Schrubben ließ sich die Farbe hinterher kaum entfernen.

In den folgenden Tagen stand Alexandras Büro unter polizeilicher Beobachtung. Edik hatte an den Fenstern neue Gitter angebracht, die beim Arbeiten ein leichtes Gefängnis-Gefühl aufkommen ließen. Kurz danach reiste Alexandra dienstlich nach Kasachstan, während ich in Eriwan blieb und mich auf das »Metal Attack«-Festival im Puppentheater mit den armenischen Bands »Sworn« und »Stryfe« und den georgischen Bands »Im Nebel«, »Bohema«, »Angel of Disease« und »Monofucktura« freute.

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