Eriwan. Aufzeichnungen aus Armenien. Kapitel 5

Die geröstete Nuss

Am vorletzten Samstag im Juni gaben wir eine kleine Party auf unserem Balkon für unsere Freunde und Bekannten, danach brachen wir in unseren Sommerurlaub nach Deutschland auf. Weil Alexandra drei Tage länger als ich in Eriwan blieb, kam sie in den zweifelhaften Genuss, den armenischen Wassertag Vardavar zu erleben. Alexandras armenische Freunde und Kollegen hatten sie eindringlich gewarnt: Der Wassertag sollte am Montag gefeiert werden, alle öffentlichen Einrichtungen hätten an diesem Tag geschlossen und an jeder Ecke werde man mit Wasser bespritzt. Diese angeblich Glück bringende Tradition wurde zurückgeführt auf eine altarmenische Legende, die von einer Göttin handelte, die mit Rosen beworfen wurde, welche sich dann in Wasser verwandelten.

Alexandra verließ am Sonntag früh das Haus, da vor dem Abflug noch viele Dinge zu erledigen waren. Schon an der ersten Ecke standen zwei Jugendliche mit gefüllten Eimern und überschütteten sie mit Wasser. Erbost und klitschnass bis auf die Knochen stellte Alexandra die beiden Jungen zur Rede. Was ihnen denn einfiele, der Wassertag sei doch erst morgen, schimpfte sie. Offensichtlich aber waren ihre Informationen falsch. Sie eilte zurück und zog sich um. Es wäre sicherlich besser gewesen, zu Hause zu bleiben, aber Alexandra musste unbedingt in die Stadt und näherte sich auf abgelegenen Pfaden dem Zentrum. Es war ein Spießrutenlaufen. Überall lauerten dreißigjährige, vierzigjährige und fünfzigjährige Männer mit Wasserpistolen hinter dem Rücken, die darauf warteten, Passanten feixend zu beschießen. In der Innenstadt war es noch schlimmer. Auf den Balkons standen Jugendliche und kippten Eimer und Wannen voll Wasser auf die Passanten unter ihnen. Alexandra kannte einen Wassertag auch aus Polen, den sogenannten Schmingus Dingus am Ostermontag, doch im Vergleich zum armenischen kam ihr der polnische Wassertag verhältnismäßig zivilisiert vor. Alexandra gelang es jedenfalls nicht, ein freundliches Gesicht zu machen, es wurde wirklich höchste Zeit für den Heimaturlaub.

Foto: Männer. Aus: Eriwan. Kapitel 5. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Im Sommer sorgte die Kaukasus-Region für viele Schlagzeilen. Drei deutsche Bergsteiger waren in der Türkei am Ararat entführt worden und im August begann Georgien seine militärische Offensive in Süd-Ossetien. Obwohl es schon seit längerem Anzeichen für eine Verschärfung des Konflikts um die abtrünnigen Gebiete in Georgien gegeben hatte, fielen wir aus allen Wolken, als wir die Nachricht an einem Zeitungskiosk lasen.

Die Frage, wer mit den Kriegshandlungen begonnen hatte, Russland oder Georgien, ließ sich für mich schwer beantworten, da beide Seiten virtuos die Propagandamaschine bedient hatten. Sicher war nur, dass sowohl Russland als auch Georgien ein Krieg höchst gelegen kam. Der georgische Präsident Saakaschwili war ein ebenso lupenreiner Demokrat wie der russische Premierminister Putin und die Minderheitenproblematik im Kaukasus war nicht nur eine Frage der staatlichen Souveränität oder des Zusammenlebens verschiedener Ethnien, vielmehr ging es auch um die Kontrolle der mafiösen Strukturen in diesen Gebieten. Bedachte man die ökonomischen Interessen der Machthaber in den abtrünnigen Gebieten mit, etwa die Kontrolle über die lukrativen Schmuggelwege durch den Tunnel zwischen Nord- und Süd-Ossetien, erschienen mir ihre auf den ersten Blick irrationalen Handlungen wesentlich nachvollziehbarer. Das änderte nichts daran, dass mir alle Beteiligten um so unsympathischer wurden, je mehr ich über die Hintergründe und Zusammenhänge erfuhr.

In der armenischen Öffentlichkeit wurde der Georgien-Konflikt nicht so stark thematisiert wie in Deutschland. Die meisten armenischen Zeitungen zogen Parallelen zwischen dem Kosovo, Süd-Ossetien und Karabach, das sich ebenfalls als souveräner Staat von Aserbaidschan lösen wollte. Die armenische Regierung nahm Partei für Russland, angesichts der Lage in Berg-Karabach war das verständlich. Russland stand in diesem Konflikt auf Seiten Armeniens, russisches Militär sicherte auch die Grenze zur Türkei. Ohne die militärische Unterstützung Russlands hätte Armenien den Krieg um Berg-Karabach gegen Aserbaidschan sicherlich verloren, und bei der Aufrechterhaltung des fragilen Waffenstillstands spielte der Drohfaktor Russland ebenfalls eine wichtige Rolle. Nicht nur für die Beziehung zu seinem georgischen Nachbarn war die Abhängigkeit Armeniens von Russland eine ziemliche Belastung, auch die Anbindung an westliche Bündnisse oder die EU wurde dadurch erschwert.

Foto: Riss. Aus: Eriwan. Kapitel 5. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Während Georgien eine enge Kooperation mit der NATO anstrebte, war Armenien Mitglied der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit, kurz OVKS, in der sich die ehemaligen Sowjetrepubliken Belarus, Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan mit Russland zu einem Verteidigungsbündnis zusammengeschlossen hatten. Da Armenien allerdings mit keinem einzigen OVKS-Mitgliedsstaat eine gemeinsame Grenze hatte, war die militärische Präsenz Russlands im Land die beste Sicherheitsgarantie. Als im September der russische Präsident Medwedew zu Besuch kam, wurde er daher entsprechend gefeiert. Überrascht stellte ich fest, dass entlang der Route des hohen Besuchs plötzlich Blumen gepflanzt und Rasenflächen angelegt worden waren, zudem wurde der zentrale Platz vor dem Rathaus feierlich in »Russischer Platz« umbenannt.

Es gab aber auch positive Nachrichten aus dem Kaukasus. Auf Vermittlung Russlands unterzeichneten Aserbaidschan und Armenien eine gemeinsame Erklärung zum Karabach-Konflikt, auch die Beziehungen zur Türkei entspannten sich ein wenig. Erstmals in der Geschichte beider Staaten besuchte ein türkischer Präsident das armenische Nachbarland. Anlass war das Fußballweltmeisterschafts-Qualifikationsspiel zwischen Armenien und der Türkei, das in Eriwan stattfand, im eigens dafür wieder eröffneten Hrasdan-Stadion, das wir von unserem Balkon aus sehen konnten. Ich schaute mir die maue Partie, die der Gastgeber null zu zwei verlor, im armenischen Fernsehen an, allerdings konnte ich mich kaum auf das Spiel konzentrieren, weil ständig Plastiktüten über das Spielfeld wehten.

Foto: Plastiktüte. Aus: Eriwan. Kapitel 5. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Plastiktüten waren aus dem Stadtbild von Eriwan tatsächlich nicht wegzudenken. Sie wurden in den Geschäften großzügig verteilt, kosteten nichts und selbst Kleinigkeiten wie einzelne Kaugummipackungen wurden in Plastiktüten überreicht. Mitunter konnte es geschehen, dass man vom Einkauf mit neun Tüten zurückkam, obwohl man nur sieben Produkte gekauft hatte. Doch nicht alle Plastiktüten wurden kostenlos abgegeben. Einige besonders schöne und große Tüten, mit Aufdrucken wie »Dolce & Gabbana«, »Chanel« oder »Prada«, wurden sogar an eigenen Straßenständen verkauft. Mit solchen Plastiktüten betraten die Studenten dann auch bevorzugt die Universität. Ich hingegen lief als wandelnde Reklame für den Umweltbeutel durch die Stadt und war damit in den Lebensmittelläden der Schrecken der Einpacker.

Foto: Militärmagazin (TV). Aus: Eriwan. Kapitel 5. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

In Berlin absolvierte ich zudem auf den letzten Drücker einen Erste-Hilfe-Kurs und stellte einen Antrag auf Ersterteilung eines PKW-Führerscheins. Zwar konnte man in Armenien für fünfhundert Dollar einen Führerschein kaufen, doch dieser wurde in Deutschland nicht anerkannt. Da ich zudem den für den Führerschein notwendigen Sehtest nicht bestanden hatte, musste ich mir in einer Blitzaktion auf dem ersten Kilometer unserer Radtour nach Kopenhangen in aller Eile eine Brille aussuchen und anfertigen lassen. Aufgrund eines Missverständnisses im Brillengeschäft hatte ich mich leider für das falsche der beiden in die engere Auswahl gekommenen Modelle entschieden. Das war wirklich bedauerlich, denn mit der anderen Brille sah ich aus wie Durs Grünbein und das hätte mein literarisches Schaffen bestimmt beflügelt.

Der Besuch des türkischen Präsidenten Gül in Eriwan sorgte in Armenien für eine hoffnungsvolle Stimmung und war selbst der deutschen Tagesschau Sendezeit wert gewesen. Die Präsidenten stellten die Einsetzung einer gemeinsamen Historikerkommission zur Erforschung des Genozids in Aussicht und sogar über eine mögliche Öffnung der türkisch-armenischen Grenze wurde diskutiert. Im Herbst initiierten türkische Intellektuelle anlässlich des Jahrestages der Ermordung von Hrant Dink eine Unterschriftenaktion, mit der sie sich bei den Armeniern für das erlittene Unrecht des Jahres 1915 entschuldigten. Diese Unterschriftenaktion wurde allerdings sowohl von der türkischen Regierung als auch von nationalistischen Armeniern, vor allem in der amerikanischen Diaspora, kritisiert. Der türkischen Regierung ging die Erklärung zu weit, während die Armenier gegen das Fehlen des Wortes »Genozid« protestierten. Auch beim späteren Besuch von US-Präsident Obama in der Türkei wurde ebenfalls genauestens darauf geachtet, ob er das »G«-Wort benutzen würde oder nicht. Obama tat es nicht. Angesichts der äußersten Empfindlichkeit beider Nationen in dieser Frage blickte ich der zukünftigen Entwicklung leider eher skeptisch entgegen.

Nur wenig hatte ich von den Olympischen Sommerspielen in Peking mitbekommen, bei der die Armenier im Medaillenspiegel mit immerhin sechs Bronzemedaillen – einmal Boxen, zweimal Ringen, dreimal Gewichtheben – den respektablen neunundsiebzigsten Rang belegten und zeitweise angeblich die höchste Pro-Kopf-Medaillensammlung aufwiesen. Zum vierten Mal hatte Armenien an den Olympischen Sommerspielen teilgenommen und diesmal fünfundzwanzig Sportler, dreiundzwanzig Männer und zwei Frauen, in sieben verschiedenen Individual-Sportarten nach China entsandt. Es war ein Beleg für die These von Gagik, der behauptete, dass Armenier zwar gute Einzel-, aber keine guten Mannschaftssportler seien.

Foto: Mashtots. Aus: Eriwan. Kapitel 5. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Die Bilder von den armenischen Olympia-Medaillengewinnern waren in der armenischen Öffentlichkeit sehr präsent und verschwanden erst, nachdem den Armeniern das Kunststück gelungen war, ihren Titel bei der Schacholympiade in Dresden gegen die favorisierten Russen und im Finale gegen China zu verteidigen. Schach war in Armenien ein Volkssport, spätestens seit Tigran Petrosjan 1963 Schachweltmeister wurde und es bis 1969 blieb. Zum Finale der Schacholympiade flog Staatspräsident Sargsjan nach Dresden und nahm die Sieger anschließend in der Präsidentenmaschine mit nach Hause. Hier wurde den Gewinnern ein Riesenempfang bereitet, bei dem der gesamte Republiksplatz voll von jubelnden Menschen war. Auf dem Weg zum Eröffnungs-Abendessen einer sicherheitspolitischen Konferenz geriet Alexandra zufällig in eine jubelnde Menge jugendlicher Schachfans, die das vorbeifahrende Team mit La-Ola-Wellen begrüßten. Beim anschließenden hochoffiziellen Abendessen lief dann die gesamte Zeit die Übertragung der Siegesfeier mit Ton.

Foto: Hochhaus am Horizont. Aus: Eriwan. Kapitel 5. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

In unser sommerlichen Abwesenheit war am Horizont ein hässliches Hochhaus hochgezogen worden, das fortan unsere Bilderbuchbalkonaussicht auf den Ararat beeinträchtigte. Moderne und größere Busse, die aus China stammten, fuhren inzwischen auf den Straßen. Sie waren recht bequem, allerdings auch extrem laut und hatten beim Anfahren am Berg deutliche Schwierigkeiten. In der U-Bahn waren neue Sitze und Griffe angebracht worden und viele U-Bahn-Haltestellen waren nun auch auf Englisch und nicht nur auf Armenisch und Russisch ausgeschildert. Unser Duschkopf und unsere weiße Balkonliege waren kaputt gegangen – auf die Anschaffung einer neuer Liege verzichteten wir allerdings, da das Plastikmöbel zweihundert Dollar kosten sollte, was auch an den hohen Einfuhrzöllen lag, die hier dreißig Prozent betrugen. Dafür kauften wir uns eine schöne neue Fußmatte. Gayane riet uns, sie besser nicht vor die Tür zu legen, da sie geklaut werden könnte.

Fast jeden Abend wurde über der Stadt ein Feuerwerk abgefackelt. Die Hitze war gnadenlos. Anfang September maßen wir nachts in unserem Schlafzimmer eine Temperatur von fünfunddreißig Grad Celsius. Mehrmals am Tag mussten wir duschen. Die Hitze und die Mücken erschwerten unser Leben. In der ersten Nacht nach der Rückkehr krabbelten dicke Schweißtropfen wie Käfer über unsere Körper. Trotz Mückennetz waren wir am Morgen total zerstochen und unausgeschlafen. Drei Mücken hatten wir in der Nacht in unserem Netz erschlagen – um zwei Uhr, um vier Uhr und um sechs Uhr früh. Es waren winzige kleine Biester, die keinen Ton von sich gaben und x-mal zubeißen konnten. In einer Nacht unter dem Netz war es besonders schlimm. Alexandra hatte am nächsten Morgen zwanzig Stiche, ich allein an meinem rechten Fuß neun.

Unsere Angst, dass die winzigen Mücken durchs Netz schlüpfen konnten, war nicht unberechtigt. Immer wieder fanden wir Mücken im Netz. Deshalb waren wir auch in mehreren Nächten ins Wohnzimmer umgezogen und hatten auf dem Sofa geschlafen – dort war es immerhin nicht ganz so warm wie unter dem Mückennetz. Als Kind hatte Alexandra einmal rund sechzig Mückenstiche erlitten und war danach mehrere Jahre lang gegen Juckreiz resistent gewesen. Doch unsere Hoffnung auf Immunisierung erfüllte sich nicht. Die Mücken kamen vom Gewässer im Tal unter unserem Balkon, das erklärte auch, warum nur wir und fast keiner unserer Freunde und Bekannten zerstochen waren. Die Mücken ließen sich weder von »Zeckito sensitiv« noch von »Autan family« abhalten, daher kauften wir das russische Antimückenspray »Diban«, mit dem wir uns Abend für Abend einnebelten, sowie das Insektizid »Neo Dichlofoc«, mit der ich die Brut in unserem Schlafzimmer unter der Decke erledigte. Auch Skorpionen waren wir in unserer Wohnung wieder begegnet, den größten zerquetschte ich aus Versehen beim Gang auf die Toilette mit meinen Hausschuhen.

Das zweite Jahr ließ sich insbesondere für Alexandra arbeitstechnisch wesentlich entspannter und stressfreier an als das erste – mit der erfreulichen Folge, dass an den Wochenenden nicht mehr durchgearbeitet werden musste. Stattdessen nahmen wir uns viel Zeit, die Stadt zu erkunden. So fuhren wir mit einem der neuen Busse zum Einkaufen zur Komitas-Strasse, fanden einen Sanitärfachhandel, in dem wir Ersatz für unseren kaputten Duschschlauch erstanden, und wandelten beglückt durch den One-Dollar-Store, in dem das meiste allerdings achthundert Dram kostete, also eher drei Dollar. Der Laden war eine Art »Rudis Reste Rampe« mit vorwiegend US-amerikanischen Produkten, indem wir auch eine Tube »Anti-Itch« gegen Juckreiz erstanden, die unsere Lebensqualität enorm verbesserte.

An einem anderen Tag gingen wir im Siegespark spazieren, ein Ort, in dem man in idyllischen Gartenlokalen für wenig Geld auch Tischtennis spielen konnte. In der Nähe befand sich das monumentale Denkmal »Mutter Armenien«, das an den Sieg der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg erinnerte. Zuvor stand an dieser Stelle eine riesige Stalin-Statue, die aber schon in den fünfziger Jahren geschleift wurde. Im Sockel des Denkmals befand sich ein Militärmuseum, das Erdgeschoss war dem Karabach-Konflikt gewidmet, das Untergeschoss dem Zweiten Weltkrieg. Da das Museum am Tag unseres Besuchs nur noch eine Viertelstunde geöffnet hatte, schauten wir bloß die obere Abteilung an, die praktisch ausschließlich aus Fotos vom Generalstab und von gefallenen Soldaten bestand.

Foto: Mutter Armenien. Aus: Eriwan. Kapitel 5. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Vor dem Museum waren Panzer, Raketen und Flugzeuge ausgestellt. Direkt neben dem Denkmal befand sich ein Vergnügungspark mit Riesenrad, Autoscooter und weiteren Fahrgeschäften und einigen urigen nostalgisch-futuristischen Sowjet-Computerspielapparaturen, die leider alle nicht mehr funktionstüchtig waren.

Foto: Spielzeug. Aus: Eriwan. Kapitel 5. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Wir probierten deshalb die Schiffsschaukel aus, die gar nicht gefährlich aussah, trotzdem wurde uns bei der Fahrt übel, so dass wir auf weitere Experimente mit den anderen Fahrgeschäften verzichteten.

Foto: Sonntagsspaziergang. Aus: Eriwan. Kapitel 5. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

An einem Samstag fuhren wir in den Botanischen Garten, der wohl größten zusammenhängenden Grünfläche in der Stadt. Leider war das meiste Grün während des Sommers verbrannt, offenbar schien auch die Bewässerungsanlage aus sowjetischer Zeit nicht mehr einsatzfähig zu sein. So wandelten wir bei irrer Hitze auf zerbrochenen Betonplattenwegen durch den staubtrockenen Park, vorbei an verfallenen Häusern und zugewucherten Gewächshäusern mit kaputten Scheiben. Es war wie ein Spaziergang durch eine Industriebrache und in mir stiegen Erinnerungen an meine Kindheit im Ruhrgebiet auf.

Foto: Botanischer Garten. Aus: Eriwan. Kapitel 5. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Den Ausflug ins Grüne hatten wir uns wahrlich anders vorgestellt und wir waren froh, als wir doch noch einen waldigeren Abschnitt entdeckten. Nach der Erkundung kletterten wir über eine Mauer und liefen völlig verschwitzt durch das Stadtviertel Sejtun. Später erfuhren wir, dass die Wissenschaftler der Nationalakademie weiterhin in den trostlosen Gebäuden mit den überlebenden Pflanzen des Botanischen Gartens forschten. Ein Streit zwischen Staats- und Gemeinderegierung um die Finanzierung des Botanischen Gartens schleppte sich schon seit Jahren hin und verhinderte notwendige Investitionen. Auf einen Besuch des Zoologischen Gartens verzichteten wir nach dieser Erfahrung vorsorglich.

Eine Tageszeitung, Grünanlagen und Parks, das waren die Dinge, die wir in Eriwan am meisten vermissten. Armenien hatte wunderbare idyllische Flecken, aber Eriwan war überwiegend eine Betonwüste, eine röstfrische Nuss, wie Ossip Mandelstam in einem Gedicht schrieb. Unter unserem Balkon erstreckte sich ein hübsches Tal, durch das sich der Hrasdan-Fluss schlängelte, das Tal war nur einen Steinwurf entfernt und dank der befestigten Wege ein Traum zum Joggen. Für uns war es leider aber quasi unerreichbar. Wir hätten entweder über eine halbe Stunde entlang der Hauptstraße laufen oder uns mit einem Taxi dorthin chauffieren lassen müssen, weil es keine öffentlich benutzbaren Treppen hinunter gab. Alles war Privatgelände, und damit in erster Linie Müllkippe für die häufig leer stehenden Prachtvillen neben uns.

Die fehlende Natur in der Stadt und damit der Mangel an Erholungsmöglichkeiten war ein Hauptgrund, warum es mich nach all den Jahren nun doch zum Auto-Führerschein drängte. Mittlerweile gelang es uns aber schon viel besser, nicht nur die Zeit, sondern auch die Orte zu finden, an denen wir uns von der Arbeit erholen konnten. Einen tollen Tag verbrachten wir im Congress Hotel am Pool. Es waren entspannte Stunden, trotz der nächtlichen Brasil-Pool-Party mit wenig Musik, viel DJ-Moderation und endlosen Polonaisen. Abends aßen wir fabelhaft im von uns neu entdeckten indischen Restaurant »Kharma«, das tatsächlich von Indern betrieben wurde und das es sogar mit unserem Lieblings-Inder in Berlin aufnehmen konnte.

Foto: Unterwegs. Aus: Eriwan. Kapitel 5. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Nach einem Jahr in Armenien war es Zeit, an die eigene Sicherheit zu denken. Schon im vergangenen Winter hatten wir uns angesichts von Sirousch, die ihre Wohnung mit den Flammen auf dem Gasherd heizte, Gedanken über Brandschutz gemacht und deshalb aus dem Sommerurlaub Rauchmelder mitgebracht. Mangels einer Bohrmaschine klebten wir einen der Melder mit mitgebrachter »Bostik«-Klebeknete unter die Decke. Erst nach vier Monaten fiel der Rauchmelder ab – die Knete hielt wirklich erstaunlich gut. Auch die Fluchtwege in unserer Wohnung nahmen wir näher in Augenschein. Unsere Fenster im Schlaf- und Wohnzimmer waren vergittert und mit Vorhängeschlössern gesichert, die so eingerostet waren, dass wir sie nicht mehr aufschließen konnten. Da weder Butter noch Schmieröl halfen, mussten wir die Schlösser aufsägen und durch neue Schlösser ersetzen. Punkt für Punkt arbeiteten wir zudem die Anweisungen zur Erdbebenvorsorge des Auswärtigen Amtes ab und erwarben bei einem Besuch im One-Dollar-Store deshalb auch eine Axt. Sie lag nun griffbereit im Schlafzimmer neben dem Bett, ebenso wie mehrere Staubschutzmasken und eine Packung mit Jod-Tabletten, einzusetzen im Fall eines atomaren Störfalls. Das Kernkraftwerk Medzamor lag nur achtzehn Kilometer von Eriwan entfernt und galt als technisch veraltet. Die Tabletten boten angeblich vierundzwanzig Stunden Schutz, danach hätten wir ausgeflogen werden müssen. Als Treffpunkt für den Ernstfall vereinbarten Alexandra und ich die Britische Botschaft in der Mitte zwischen unserer Wohnung und ihrem Büro. Jetzt fehlten nur noch zwei Bauhelme, ein Radio und ein Feuerlöscher und unser Katastrophenschutz wäre perfekt gewesen.

Die Jod-Tabletten waren neben den Spikes, die man unter die Schuhe schnallen konnten, die außergewöhnlichsten Dinge, die wir in der Vorbereitung auf unser Leben in Armenien angeschafft hatten. Zum Glück hatten wir bislang weder das eine noch das andere benutzen müssen. Folgte man den Informationen für Touristen des armenischen Fremdenverkehrsamtes, war die größte Gefahr für Ausländer ohnehin der Straßenverkehr. Dem konnten wir aus eigener Erfahrung nur zustimmen. Erst kürzlich hatte man uns die Geschichte von einem holländischen Touristen erzählt, der von einem SUV fahrenden Oligarchen krankenhausreif geschlagen wurde, nachdem sich der Holländer über dessen Fahrweise beschwert hatte.

Foto: Armenische Röhre. Aus: Eriwan. Kapitel 5. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Oft hatte ich in deutschen Supermärkten und Kaufhäusern vor den angebotenen Laminiergeräten gestanden und den Drang verspürt, eines zu kaufen. Doch so tief ich auch in mich hineinhorchte, nie fiel mir etwas ein, was ich mit Folie überziehen könnte und nahm deshalb stets Abstand vom Kauf. In Eriwan aber hatte ich nun endlich eine sinnvolle Einsatzmöglichkeit für ein Laminiergerät entdeckt und hätte gern meinen ewig gleichen Einkaufszettel mit Schutzfolie beklebt – eine scheckkartengroße Liste, die ich im Portemonnaie stets bei mir trug, mit den Produkten, die ich in Armenien immer einkaufen musste. Brot, Cola, Milch, Müsli, Nudeln, Schmelzkäsescheiben, Wasser. Ergänzt wurde die Liste auf der anderen Seite durch mögliche Bedarfsartikel. Bier, Crepes, Deo, Kaffee, Kaugummi, Klopapier, Marmelade, Zahnpasta. Obwohl die Listen übersichtlich waren, kostete es viel Zeit, allein die sieben Muss-Produkte einzukaufen, da selten alle gleichzeitig in einem Supermarkt vorhanden waren. Den achten Artikel von der Muss-Liste, das Hundefutter, hatte ich leider streichen müssen, da Ende Oktober unser Haushund Udo gestorben war.

Als ich im Sommer in Berlin nach langer Zeit wieder eine Lidl-Filiale betreten hatte, war ich von der Angebotspalette so ergriffen gewesen, dass ich Alexandra sofort mit dem Handy anrufen musste. Ähnlich werden sich die DDR-Bürger gefühlt haben, die kurz nach dem Mauerfall durch die Feinkostabteilung des Kaufhaus des Westens taumelten. Aber auch die armenischen Supermärkte sorgten immer wieder für Verblüffung. So fand man selbst in den kleinsten und engsten Supermärkten oft im obersten Fach des Schnapsregals neben den Whisky- und Weinbrand-Flaschen für vierzig oder fünfzig Euro einzelne, aufklappbare Fabergé-artige Eier mit Kognak und herausnehmbaren Gläsern, die umgerechnet etwa eintausendfünfhundert Euro kosteten. Obwohl ich nie ein begeisterter Ostereiersucher war, musste ich jedes Ei, das ich entdeckt hatte, öffnen und bestaunen, und jedes Mal atmete Alexandra erleichtert auf, wenn ich die kostbare Scheußlichkeit sicher ins Regal zurückgestellt hatte. Auch maßstabsgetreue gläserne Kalaschnikows mit Wodka, die stilecht in großen Holzkisten verkauft wurden, hatten wir schon in Supermärkten entdeckt.

Leider war Alexandra von unserem Deutschland-Aufenthalt krank nach Eriwan zurückgekehrt, fiebrig und mit Halsschmerzen. Schuld daran war vermutlich der kalte Berliner Sommer gewesen, den Alexandra und ich tapfer ignorierten, als wir Alexandras in Tbilissi stationierten Kollegen mit seiner Familie abends in einem Straßencafé im Prenzlauer Berg trafen, um uns kurz vor unserer Abreise aus erster Hand Informationen über die Lage in Georgien zu verschaffen. Ein paar Tage nach unserer Rückkehr versagte dann auch Alexandras Stimme. Als nach zwei Wochen immer noch keine Besserung eingetreten war, ließ sie sich von Professor Shukuryan, DAAD-Alumnus und HNO-Spezialist, untersuchen, der sie sogleich zu einer Ultraschall-Untersuchung schickte. In den nächsten Wochen und Monaten bekamen wir viele Gelegenheiten, das Gesundheitswesen in Armenien aus der Nähe kennenzulernen.

Foto: Armenische Röhre (Krücke). Aus: Eriwan. Kapitel 5. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Die ambulante Behandlung fand in Armenien einerseits in öffentlichen Polikliniken, in denen die Behandlung zumindest offiziell kostenlos war, und andererseits in Privatkliniken statt. Wir suchten zuerst die nahegelegene private Nairi-Klinik auf, die sehr modern ausgestattet war. Sie verfügte über eine Rezeption und einen bequemen Warteraum, theoretisch wäre es also möglich gewesen, sich anzumelden und dann aufgerufen zu werden. Tatsächlich diente die Rezeption aber nur dazu, einen direkt zum Zimmer des behandelnden Arztes weiterzuschicken, vor dem man dann warten musste – mit Dutzenden anderen Menschen, in einem engen Flur mit viel zu wenigen Stühlen, ohne dass erkennbar war, wer vor welcher Zimmertür wartete. Zwischen den Wartenden stöckelten zahlreiche Arzthelferinnen in blauen Kitteln herum, deren Zuständigkeit uns ebenfalls verborgen blieb.

Das Chaos im Flur hatte zur Folge, dass sich jeder direkt beim Arzt erkundigte, wann er dran war. Für die Patienten, die gerade untersucht wurden, bedeutete dies, dass ständig die Tür aufging und Leute hereinkamen. Dies war allerdings nicht nur in Armenien so. Ein Bekannter hatte uns von einem Besuch mit seiner schwangeren Frau bei einem Gynäkologen in Georgien erzählt. Er hatte sich extra bei einer der Arzthelferinnen erkundigt, ob das Sprechzimmer frei sei und er eintreten könne. Nachdem er mehrmals offensiv zum Eintreten aufgefordert worden war, öffnete er die Tür und stand dem auf einem Gynäkologenstuhl liegenden, nackten Unterkörper einer wildfremden Frau gegenüber. Diese Praxis war noch unverständlicher, wenn man sich die Schamhaftigkeit der armenischen und georgischen Gesellschaft vor Augen führte, wo man beispielsweise auch nur mit Badeanzug in die Sauna ging.

Alexandras Ultraschalluntersuchung wurde von einer netten Ärztin durchgeführt, die obendrein Deutsch sprach. Vor der Untersuchung hatte Alexandra zur Kasse gehen und als Ausländer den doppelten Tarif zahlen müssen, etwa sechsundzwanzig Euro. Mit den Ultraschallbildern in der Tasche und mit Meri als Dolmetscherin an ihrer Seite suchte Alexandra dann den von Professor Shukuryan empfohlenen Facharzt in der nahegelegenen Poliklinik auf. Diese bot zwar weniger Hochglanz als das Nairi-Center, aber eine ebenso gute Behandlung wie die Privatklinik.

Was Alexandra allerdings irritierte, war der Umstand, dass sich der Arzt während der Untersuchung eine Zigarette nach der anderen ansteckte. Zum Thema rauchende Ärzte hatte ein Freund auch noch eine eindrückliche Schilderung von einem Zahnarztbesuch zu bieten. Der Zahnarzt hatte gebohrt, machte dann eine Pause, Arzt und Patient rauchten beide eine Zigarette, dann ging es weiter – natürlich alles ohne Handschuhe. Derselbe Freund war auch schon bei einem Zahnarzt in Georgien behandelt worden. Dort wurde zwar nicht geraucht, dafür gab es aber kein Spuckbecken, zum Ausspucken musste er deshalb durch das halbe Gebäude laufen.

Vom Arzt erhielt Alexandra ein Rezept und ging in die nächste Apotheke, in der alle Medikamente bei Außentemperaturen von etwa fünfunddreißig Grad ungekühlt im Verkaufsraum standen. Den Einkauf tätigte sie daher lieber in einer Apotheke mit Klimaanlage. Obwohl man in Armenien alle Medikamente rezeptfrei erwerben konnte, musste der Kunde auf Beratung meist verzichten. Armenische Apotheken waren in erster Linie Verkaufsstellen für Drogerieartikel, Kondome und Kindernahrung und boten häufig auch noch weitere Dienstleistungen an, etwa einen Kopier-Service. Auffallend oft hingen in den Fenstern Vogelkäfige. Im Kommentar meiner Ulysses-Ausgabe hatte ich gelesen, dass dieses Motiv in der Malerei auf ein Freudenhaus hinweise.

Foto: Grazie. Aus: Eriwan. Kapitel 5. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Etwas später suchten wir noch einen Facharzt im Republikanischen Krankenhaus auf, ein zusehends verfallender Betonblock im Norden der Stadt. Zum fünften Stock, in dem der Spezialist praktizierte, fuhr Alexandra in einem ehemaligen Bettenfahrstuhl, in dem es sich die Fahrstuhlführerin wohnlich eingerichtet hatte. In dem Aufzug standen ein Sessel und ein Garderobenständer, für Behaglichkeit sorgten außerdem ein Teppich und Landschaftsgemälde an den Fahrstuhlwänden. Vor der Sprechstunde rauchte der Professor seine Zigarette zwar zu Ende, dafür lief während Alexandras Untersuchung die ganze Zeit der Fernseher, der in der Ecke stand und eine Verkaufssendung für Gebrauchtwagen zeigte, die der Professor durch die Augenwinkel verfolgte.

Der Herbst war für Alexandra dicht gefüllt mit offiziellen Universitätsbesuchen und zahlreichen Gesprächsrunden und Konferenzen. Hervorzuheben war die internationale »Dissemination Conference on Internal Quality Assurance« an der Staatlichen Universität. Obwohl ein großer Teil der Teilnehmer aus England und Italien stammte, gab es keine Übersetzung der armenischen Vorträge, statt dessen wurden Anglistik-Studentinnen dazu verpflichtet, den Ausländern die Übersetzung über die Schulter ins Ohr zu flüstern. Leider waren die Studentinnen nicht auf das Thema vorbereitet worden und konnten daher nicht einmal den Titel der Konferenz übersetzen. Auch die aus dem Unterricht gerufenen und nach neunzig Minuten eintreffenden Englisch-Dozentinnen konnten nicht viel helfen. Erst nach über vier Stunden trafen echte Dolmetscher ein. Zu diesem Zeitpunkt hatte Alexandra bereits beschlossen, auf die Erkenntnisse dieser Tagung zu verzichten.

Ein weiterer Termin führte sie an die Russisch-Armenischen Universität. Sie nahm ein Taxi, doch der Fahrer fand den Weg nicht und irrte zwanzig Minuten lang orientierungslos durch die Stadt. Als Alexandra beschloss, das Taxi zu wechseln, ausstieg und in einem anderen Taxi die Fahrt fortsetzte, verfolgte der erste Taxifahrer wütend den Wagen, blockierte mit seinem Taxi die Einfahrt der Universität und verlangte lautstark, aber letztlich vergebens sein Geld.

Foto: Kommunizierende Röhren. Aus: Eriwan. Kapitel 5. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Auch ich konnte mich über mangelnde Beschäftigung ebenfalls nicht beklagen, hatte neben der täglichen Schreibarbeit einige Lesungen und Präsentationen zu absolvieren, insgesamt vier Auftritte in zehn Wochen in drei Ländern. Die ersten beiden Veranstaltungen fanden im Rahmen der vierten Krakauer Literaturtage statt, eine Lesung im Klub »Lokator« und eine »Schöner Lesen«-Präsentation im Goethe-Institut. Mein Flug nach Krakau ging über Prag, wo ich knapp acht Stunden Aufenthalt hatte. Ich wollte die Gelegenheit nutzen und mir Prag ansehen und hatte mich bereits im Vorfeld informiert, welcher Bus zur U-Bahnstation in die Stadt fuhr. Im Flughafen hob ich an einem Geldautomaten tausend Kronen ab, rund vierzig Euro. Der Automat spuckte einen Schein aus, ich ging zum Bussteig, ein Bus wartete bereits, ich lief zum Fahrer, zückte den Tausender, doch der Fahrer schüttelte sogleich den Kopf. Er könne den Tausender nicht wechseln, erklärte er mir, die Türen schlossen sich und der Bus fuhr davon.

Ich ging zurück in den Flughafen und versuchte, den Schein kleinzumachen und etwas zu kaufen, doch das war nicht einfach. Es war kurz nach acht Uhr morgens, viele Geschäfte hatten noch nicht geöffnet, und die, die schon geöffnet hatten, konnten auf einen so großen Schein nicht herausgeben. Schließlich gelang es mir doch, ich lief zum Bussteig zurück, ein Bus kam, ich zückte einen Hunderter, doch der Busfahrer winkte sogleich ab und zeigte auf das Schild neben sich: Ein Einzelfahrschein koste dreißig Kronen und müsse passend bezahlt werden. Zwei andere Touristen hatten das gleiche Problem wie ich und wurden ebenfalls abgewiesen. Ich wurde langsam wütend und wollte mit dem Hunderter die Tickets für die beiden anderen Passagiere und mich bezahlen, den Rest sollte der Busfahrer behalten, er machte eine abfällige Geste, die Türen schlossen sich und auch dieser Bus fuhr ohne mich davon.

Ich lief zurück in den Flughafen und fand schließlich einen Laden und das geeignete Produkt, kaufte einen »Kit-Kat«-Schokoladenriegel für fünfzehn Kronen, bezahlte mit einem Hunderter und bekam fünfundachtzig Kronen und damit auch die passenden dreißig Kronen zurück. Ich ging wieder zum Bussteig, ein neuer Bus hielt an und triumphierend legte ich die dreißig Kronen in die Münzschale. Das war aber gar nicht nötig gewesen, denn war der Busfahrer war diesmal ausgesprochen nett, hatte von sich aus eine Tasche mit Kleingeld mitgebracht und wechselte freundlich alle Münzen und Scheine der einsteigenden Passagiere.

Mit Münzwechseln war meine erste von acht Stunden in Prag vergangen, die zweite verbrachte ich im Stau. Ich konnte von Glück reden, keinen Koffer bei mir zu haben, denn für diesen hätte ich im Bus ein Zusatzticket für siebzehn Kronen lösen müssen, insgesamt also siebenundvierzig Kronen. Um diese Summe passend im Flughafen per Einkäufe zu wechseln, hätte ich bestimmt eine weitere Stunde benötigt.

In Prag stieg ich am Wenzelsplatz aus und lief in die falsche Richtung. Es regnete stark, ich suchte Schutz in einer Buchhandlung und bewunderte die große Auswahl an Comics in tschechischer Sprache. Danach ging ich in ein Café im IKEA-Kinderstubenstyle mit WLAN, bekam aber keine Internetverbindung mit meinem Ibook. Anschließend fuhr ich zurück zum Flughafen, kam viel zu früh an, kaufte mir eine Frankfurter Allgemeine Zeitung und las darin. Über die Bankenkrise, dann eine tolle Rezension von Ernst Horst, einen Poker-Artikel im Geisteswissenschaften-Teil und eine Besprechung über Martin Pollacks neues Buch. Anschließend entdeckte ich ein Gate, in dem ich kostenlos ohne Anmeldung und mit Spitzengeschwindigkeit Torrent-Dateien aus dem Internet laden konnte. Das machte ich auch und beschloss, auf meinem Rückflug nach Eriwan vier Tage später, wo ich wieder knapp acht Stunden Aufenthalt in Prag haben würde, nicht in die Stadt zu fahren, sondern an diesem Gate so viele Dateien wie möglich aus dem Internet zu saugen.

Foto: Hase. Aus: Eriwan. Kapitel 5. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Das Gate war nicht mein Abfluggate, ich setzte mich aber so hin, dass ich die Schleuse zu meinem Flugzeug im Blick hatte. Als sich dort zehn Minuten vor Abflug immer noch nichts tat, wurde ich misstrauisch, schaute auf die Abfluganzeige und erkannte bestürzt, dass mein Gate in der letzten Stunde verlegt wurde und zwar ans andere Ende des Flughafens. Auf der Anzeige blinkte bereits der Last-Call-Aufruf für meinen Flug. Panisch rannte ich durch die Gänge und erreichte nach einer Ewigkeit das Gate, das menschenleer war. Ich suchte und fand eine Mitarbeiterin von Czech Airlines, die ich so lange bekniete, bis sie für mich einen Bus anforderte, der mich dann ganz allein zum abflugbereiten Flugzeug karrte. Schweißgebadet rannte ich die Gangway hoch, die wartenden Passagiere schauten mich feindselig an, erleichtert plumpste ich in meinen Sitz und propellerte kurz darauf Richtung Krakau.

Am Flughafen in Krakau zog ich Geld am Automaten und hatte auch keine Probleme damit, es klein zu machen. Ich ging zur Bushaltestelle und machte einen australischen Fotografen glücklich, in dem ich ihm ein Ticket spendierte, denn auch in Polen musste man in den Bussen oft passend zahlen. Mit dem Bus fuhr ich ins Zentrum, checkte im Hotel ein und besuchte am Nachmittag meine alten Lieblingsstätten. Ich kannte mich noch gut aus, da ich hier vor einigen Jahren drei Monate als Stipendiat verbracht hatte. In der Buchhandlung Massolit kaufte ich eine hübsche »Howl«-Studienausgabe, speiste hinterher köstlich bei meinem Lieblings-Ukrainer und überlegte beim Besuch der prächtigen, bunten Franziskaner-Kirche, ob ich vielleicht doch noch katholisch werden sollte. Schon um kurz nach neun Uhr schlief ich abends ein.

Am anderen Morgen wurde ich um kurz vor sieben wach und frühstückte lang mit viel Zeitungslektüre. Am Nachmittag kam mein Freund Tomek aus Breslau in Krakau an, dem ich angeboten hatte, während des Literaturfestivals das Hotelzimmer mit mir zu teilen. Er war Max-Stirner-Experte und Nietzsche-Übersetzer, Alexandra hatte ihn in Breslau während ihres Bosch-Lektorats kennengelernt und unsere Liebe zu Polen und speziell Breslau verdankte sich größtenteils seiner Vermittlung. In Krakau wiederum keimte insbesondere in mir der Wunsch auf, längere Zeit im Ausland zu leben, gern auch in Osteuropa. Mein Jugendtraum war es eigentlich, in einem Kaff an der französischen Atlantikküste mein Dasein zu fristen, ich hatte mir als Jugendlicher auch schon eine Wunschimmobilie ausgeguckt, einen großen, baufälligen Turm, und malte mir lebhaft aus, wie ich eines Tages jeden Morgen im Zeitungs- und Tabakwarengeschäft ein Croissant verputzen würde, zwischen zahnlosen Greisen, die ich nicht verstünde ... Wahrscheinlich wollte ich damit kompensieren, dass ich seinerzeit wegen einem Ungenügend in Französisch die Klasse wiederholen musste. In Armenien war ich meinem alten Ziel schon sehr nah gekommen, es regnete zwar nicht so oft wie am Atlantik, aber Armenisch und Russisch verstand ich noch weniger als Französisch.

Abends gingen Tomek und ich zur Eröffnungsveranstaltung in die Villa Decius, anschließend zur großen Gemeinschaftslesung in den Lokator-Klub, der extrem verraucht und sehr szenig war. Ich traf dort Tanja Dückers, die mir ein Päckchen mit DVDs, und Kolja Mensing, der mir ein Päckchen mit Büchern mitgebracht hatte. Dafür bedankte ich mich bei beiden jeweils mir einer langen Sudschuch-Schnur, einer Walnusskernkette in eingedicktem Traubensaft. Sudschuch war eine Art armenisches Snickers und neben Kognak das beste Souvenirgeschenk, das man aus Armenien mitbringen konnte, zumindest wenn es frisch war.

Foto: Rakete. Aus: Eriwan. Kapitel 5. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Die restlichen Tage in Krakau waren sehr schön und anregend und auch erholsam. Drei Stunden lang frühstückte ich am nächsten Morgen mit Tomek und Kolja und aß mit Tomek noch zweimal bei meinem Lieblings-Ukrainer. Am Nachmittag hatte ich meine »Schöner Lesen«-Präsentation im Goethe-Institut und bereits um acht Uhr legten Tomek und ich uns abends schlafen. Um halb zehn stand ich wieder auf und ging spazieren. Als ich ins Hotelzimmer zurückkehrte, war Tomek auch schon wieder wach und gemeinsam zappten wir durch die Programme und blieben bei »Jackass« und der MTV-Doku-Soap über den Drogenentzug von unbekannten Prominenten hängen.

Am nächsten Morgen erreichte uns die Nachricht von Jörg Haiders tödlichem Autounfall. Er werde jetzt der neue Falco, spekulierte ich am Frühstückstisch. Nachmittags spazierte ich allein durch Krakau und bevorratete mich mit Pesto und Spaghetti-Bolognese-Packungen. Am Abend besuchten wir das Lesungsspektakel in der Villa Decius mit dreißig Autoren. Die Lesungen fanden gleichzeitig an verschiedenen Orten und in verschiedenen Sprachen statt, die Zuhörer konnten sich so alle Räumlichkeiten anschauen und bei meinem Rundgang durch die Villa wurden in mir viele schöne Erinnerungen wach.

Am anderen Tag frühstückte ich zum letzten Mal zusammen mit Tomek und Kolja, danach fuhren sie zurück nach Breslau beziehungsweise Berlin. Am Mittag flog ich nach Prag, hatte dort wieder knapp acht Stunden Aufenthalt und fuhr diesmal gar nicht erst in die Stadt, sondern blieb am Flughafen. Da ich noch viele tschechische Kronen übrig hatte, ging ich in einen großen Billa-Supermarkt, um einzukaufen. Als ich meine ausgesuchten Waren an der Kasse bezahlen wollte, nahm die Verkäuferin den Geldschein, den ich ihr gereicht hatte, in die Hand, betrachtete den Riss, der mit durchsichtigem Klebeband beklebt war, rief ihre Chefin und die beiden entschieden nach kurzer Beratung, dass sie den Geldschein nicht annehmen konnten. Die Tschechen und ihre Kronen, es war alles so lächerlich und wurde höchste Zeit, dass der Euro käme.

Zurück in Eriwan galt es sogleich, eine angedrohte Mieterhöhung abzuwehren. Anlass war zum einen, dass unsere mündliche Absprache nur ein Jahr Geltung haben sollte, zum anderen der sinkende Eurokurs. Dieser hatte im Vergleich zum Vorjahr gut ein Viertel seines Wertes eingebüßt, dank der Stützungspolitik der armenischen Nationalbank, die damit vor allem die Gewinnmarge der Import-Monopolisten hoch hielt. Unsere Vermieterin Aida, Sirouschs in Moskau wohnende Adoptivtochter, sah jedenfalls den Zeitpunk gekommen, unsere monatliche Miete um hundert Euro zu erhöhen. In langen, zähen, auf russisch geführten Telefonaten ließ sich Aida schließlich auf fünfzig Euro herunterhandeln. Im Gegenzug bekamen wir dafür endlich eine schriftliche Mietvereinbarung.

Foto: Hand. Aus: Eriwan. Kapitel 5. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Mit einem alten DDR-Reiseführer in der Hand spazierten wir durch Eriwan, erfuhren viel über die Monumentaldenkmäler, und waren erstaunt, wie wenig sich seither verändert hatte. Auf Einladung von Ani besichtigten wir das Opernhaus und sahen uns zusammen ein Konzert anlässlich des Programmstarts des neuen armenischen TV-Kultursenders »Ararat«. Ein großes achtzigköpfiges Orchester mit über vierzig Geigen und Bratschen und hochkarätigen armenischen Solisten spielte Stücke von Tschaikowski, Verdi und natürlich auch des armenischen Starkomponisten Chatschaturjan, dessen bekanntestes Werk der Säbeltanz aus dem Ballett »Gajane« war.

Der Staatsminister hatte zu Beginn des Konzerts eine Ansprache gehalten und zwischen den Stücken erläuterte ein Moderatorenpaar die Schwerpunkte des Kultursenders und zählte die kommenden Sendungen auf. Das Konzertprogramm dauerte über zwei Stunden, es gab keine Pause, etliche TV-Kameras waren anwesend, der Saal hell erleuchtet und das Publikum laut. Später beim Zappen stießen wir immer wieder auf den Sender, der entweder klassische Konzerte oder Fußballspiele zeigte. Leider waren alle Fußballspiele mit deutscher Beteiligung, die ich in dieser Zeit sah, grauenhaft, ganz besonders die Heimniederlage meiner Borussia aus Dortmund gegen Udinese Calcio. Die Bandenreklame »bet & win« übersetzte ich in dieser Zeit nur noch mit »bete und weine«. Dafür schaffte ich selber das schier Unmögliche und ergatterte bei Super Mario Galaxy alle einhundertzwanzig Sterne und schaltete damit Luigi frei. Der Kampf gegen den Zauberer beim lila Kometen kostete mich eine volle Batterieladung, noch krasser war allerdings der Marsch durch das sich auflösende Spielfeld in der Spielzeugschachtel-Galaxy. Nur wenige Menschen in meinem Alter konnten wahrscheinlich von sich behaupten, diese Aufgabe gemeistert zu haben.

Wie schon ein Jahr zuvor, diesmal allerdings eher zufällig, besuchten wir den Wohltätigkeitsbasar im Marriott-Hotel. Beim Stand der Deutschen Botschaft entschuldigten wir uns dafür, keinen Kuchen gespendet zu haben und erleichterten unser schlechtes Gewissen durch den Kauf von mehreren Gebäckstücken. Lange, leider erfolglos, durchforsteten wir daraufhin das Zeitschriften- und DVD-Angebot der amerikanischen Botschaft und wie schon im letzten Jahr wusste keiner, wofür die Einnahmen des Basars eigentlich gespendet wurden.

Zum Mittagessen suchte ich nun öfter die Mensa der nah gelegenen Amerikanischen Universität auf. Das Essen war günstig und die Ausgabe erfolgte in der Regel zügig. Die Mensa hatte den Flair einer polnischen Milchbar und bot frische armenische Gerichte an. In der Mensa gab es zudem einen von mir geschätzten Kakao-Automaten und ich war enorm erleichtert, nicht mehr in das Restaurant an der U-Bahnstation »Druschba« gehen zu müssen. Beim letzten Mal hatte ich dort nach endlosem Warten einen »Cheeseburger« bekommen, ein halbiertes Brötchen mit zerschmolzenem Fett – ohne Bulette.

Anfang Oktober besuchte ich das erste armenische Comicfestival in einem kleinen Theater in der Nähe vom Matenadaran, das von der französischen Botschaft mitveranstaltet wurde. Es bestand aus einem Workshop und einer Ausstellung von in einheitlicher Größe fotokopierten und gerahmten Comicseiten. Spektakulär waren die sieben aus Frankreich eingeladenen Comiczeichner, darunter Frank Margerin und der armenischstämmige Charles Berbérian, dessen »Monsieur Jean«-Bände Teil meiner Eriwaner Basisbibliothek waren. Organisiert wurde das Festival vom ebenfalls armenischstämmigen Franzosen Jean Mardikan, einem der drei Mitbegründer des legendären Comicfestivals in Angoulême.

Foto: Charles Berbérian. Aus: Eriwan. Kapitel 5. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Langsam zog der Winter in der Stadt ein. Wir ließen das Ofenrohr reinigen und bekamen Ende Oktober Besuch von unserem Freund Markus und seinem Schweizer Kollegen. Im Nebel war ihr Taxi gegen eine Felswand gefahren, das Auto war dabei umgekippt und auf dem Dach gelandet. Zum Glück war ihnen bis auf einen Kratzer an Markus' Hand nichts weiter passiert. Wir kochten Gulasch und unterhielten uns lange über Berg-Karabach, die Mentalität der Armenier, das Leben im Ausland, die WOZ und die Jugendproteste in Zürich Anfang der 80er Jahre, die der Schweizer Kollege aus nächster Nähe miterlebt hatte. Zum Abschied lieh sich Markus von mir das Buch »Zürich, Anfang September« von Reto Hänny aus, ein von mir sehr geschätztes Werk.

Regelmäßig besuchte ich den Goethe-Lesesaal und inspizierte die Neuanschaffungen. In der Auslage entdeckte ich die Autobiographie »Ich. Erfolg kommt von innen« von Oliver Kahn und staunte. Noch erstaunter war ich allerdings, als mir zwei Tage später auf dem Mesrop Maschtoz Boulevard ein junges Mädchen entgegen kam – mit der Biographie des Torwarttitans unterm Arm.

Im November nutzten wir die Mitfahrgelegenheit und fuhren mit Bianca und armenischen Deutschlehrerinnen für ein Wochenende nach Tbilissi. Im Bus erzählte eine Deutschlehrerin, dass sie in Eriwan auf der Straße kürzlich einen Mann getroffen habe, der ein T-Shirt trug, auf dem auf deutsch stand: »Ich bin super im Bett«. Sie fragte den Mann, ob er wüsste, was da auf deutsch auf seinem T-Shirt stehe. Er habe nur den Kopf geschüttelt.

Ich las derweil in den »Aufzeichnungen aus Georgien« von Clemens Eich: »Die schlechtesten Straßen von allen schlechten Straßen Georgiens befinden sich in Gurien.« Nach der Ankunft am Goethe-Institut fuhren wir mit einem überteuerten Taxi zum Hotel »GTM Kapan«, in dem wir ein Zimmer über ein Internetportal gebucht hatten. Die Internetbeschreibung versprach ein großes, komfortables Zimmer, das Hotel sollte über Schwimmbad, Sauna und WLAN verfügen, als »Special« lockten ein Begrüßungsgetränk und ein kostenloses Upgrade in die nächst höhere Zimmerkategorie. Unsere Erwartungen waren dementsprechend hoch, es war Winter und wir sehnten uns nach ein wenig Erholung, um so enttäuschter waren wir, als man uns das Doppelzimmer präsentierte. Es befand sich im finsteren Kellergeschoss, war in einem düsteren Dunkelgrün gestrichen, an den Wänden standen übereck zwei Einzelbetten, dazu gab es einen riesigen, brummenden Kühlschrank und eine winzige Duschkabine. Sogleich kehrten wir an die Rezeption zurück und verlangten ein echtes Doppelzimmer. Der Hotelangestellte erklärte uns, dass das Hotel ausgebucht sei und nur noch zwei weitere Zimmer frei wären, eines davon sei aber aus der »Lux«-Kategorie, so dass wir dafür einen Aufschlag von dreißig Euro pro Tag hätten zahlen müssen.

Foto: Lake Swan. Aus: Eriwan. Kapitel 5. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Wir besichtigten die Ersatzzimmer, wobei uns das »Lux«-Zimmer noch deprimierender und außerdem recht laut vorkam, und siedelten schließlich in ein Standard-Eckzimmer mit Ikea-Bett um. Die Badezimmermatte schwamm in Wasser, da das Waschbecken leckte, an dem Bett waren zwei Klemmlampen befestigt, die beide nicht funktionierten und der versprochene Internetzugang war ein durchgetrenntes Ethernetkabel. Der Name des Hotels hatte sich also als böses Omen erwiesen, da das Hotel in Kapan, in dem wir auf der Deutschmobil-Tour untergekommen waren, die schlechteste Unterkunft war, in der wir jemals übernachtet hatten. Abgesehen vom Zimmer war der Ausflug nach Tbilissi aber schön und gemütlich, wir besuchten Alexandras Kollegen und seine Familie und fühlten uns am anderen Tag beim Abendessen im Restaurant »Purpur« wie in Berlin.

Höhepunkt des Novembers waren die Deutschen Kulturtage in Eriwan. Die von der Deutschen Botschaft und dem DAAD veranstalteten Kulturveranstaltungen wurden sogar mit einem Werbeclip im armenischen Fernsehen beworben, so dass mein Gesicht und Ausschnitte aus dem »Kettengassenpan«-Video von Superschiff nun schlagartig vielen Armeniern bekannt waren.

Der Auftakt der Kulturtage bestand aus einem Jazzkonzert mit anschließendem Empfang in der Babadschanjan-Konzerthalle. Um für Ordnung zu sorgen, war eine etwa fünfzigjährige sirousch-artige Frau angestellt worden, welche den Besuchern der Veranstaltung schimpfend ihre Plätze zuwies. Die Gänge waren so eng und verstopft, dass weder Verspätete noch Frühergehende eine Chance hatten durchzukommen.

Am Samstag sollte der von mir konzipierte »Schöner Lesen«-Abend im Puppentheater stattfinden, mit Uljana Wolf als Lesungsgast, die am Donnerstag in Eriwan landete. Ich holte sie am Nachmittag im Ani Plaza Hotel ab, zeigte ihr die Stadt und ging anschließend mit ihr zur Generalprobe ins Puppentheater. Die Techniker dort waren sehr nett und der Ablauf und alle weiteren Fragen nach einer Stunde geklärt, so dass wir essen gehen konnten. Wir entschieden uns für das Restaurant »Our Village«, wo wir auf zwergenhaften Stühlen und bei greller Beleuchtung ein akzeptables Essen serviert bekamen. Punkt neun begann überraschenderweise das folkloristische Musikprogramm. Später erfuhren wir, dass die Band für Auftritte außerhalb dieser Lokalität eintausend Euro pro Stunde verlangte.

Am nächsten Tag stand das von mir moderierte Werkstattgespräch an der Brjussow-Universität auf dem Programm. Der Raum war mit Studierenden gut gefüllt, welche sich im Unterricht vorher mit Uljanas Lyrik beschäftigt hatten. Nach einer kurzen Lesung löcherten sie Uljana mit Fragen und rückblickend war es die in meinen Augen beste Veranstaltung der Kulturtage. Anschließend spazierte ich mit Uljana durch den Stadtteil Kond, eines der ältesten Viertel Eriwans.

Foto: Kond (Կոնդ). Aus: Eriwan. Kapitel 5. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Am Abend trafen wir Uljana wieder, um uns gemeinsam ein Salontheater aus Berlin anzuschauen. Ein Damentrio mittleren Alters in fantasievollen Kostümen deklamierte zwei Stunden lang deutsche Balladen, die sie aus geblümten Büchern zu Klaviermusik vorlasen. Während uns das Gebotene an eine eher schlechte Schulaufführung erinnerte, murmelten die Armenier die Zeilen begeistert mit und lasen dabei die zuvor verteilten armenischen Balladen-Übersetzungen. Unter den Zuhörern waren viele DAAD-Alumni. Im Foyer des Puppentheaters war die Ausstellung »Deutsche Kultur aus Sicht armenischer Stipendiaten« zu sehen und in der Pause konnten Stimmzettel für das beste Bild abgegeben werden. Die Preisverleihung sollte am nächsten Tag nach dem »Schöner Lesen«-Abend stattfinden und alle fieberten bereits dem Samstag entgegen.

Am Samstag kamen Uljana, Alexandra und ich eine Stunde vor Beginn der »Schöner Lesen«-Veranstaltung im Puppentheater an, um die Technik einzurichten. Ein Wackelkontakt strapazierte unsere Nerven und es dauerte unendlich lange, bis das zweite Mikrofon auf der Bühne aufgestellt war. Danach lief zum Glück alles glatt. Peter Alexander sang, Uljana las, ich erzählte und fragte. Nach der Pause wurden die vierzig Teilnehmer des DAAD-Kurzgeschichtenwettbewerbs auf die Bühne gerufen und die Botschafterin überreichte geduldig die zahlreichen Preise. Anschließend las Alexandra die Siegergeschichte vor. Danach folgte der zweite »Schöner Lesen«-Teil, in dem auch der wunderbare Kurzfilm »Deutsch lernen mit Petra von Kant« von Ming Wong gezeigt wurde. Dieser sorgte für viel Gesprächsstoff und erhitzte die Gemüter, da erstens derbe Schimpfworte benutzt wurden und zudem ein geschminkter Mann in Frauenkleidern zu sehen war. Nachdem am Sonntag im Rahmen der Deutschen Kulturtage auch noch der Spielfilm »Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken« von Leander Haußmann gezeigt wurde, in dem Uwe Ochsenknecht unter anderem mit einem Walpenis posierte, galten die Deutschen in Armenien wahrscheinlich endgültig als frivoles Völkchen.

Am Sonntag machten wir mit Uljana einen Ausflug zum Kloster Geghard. Mangels eines eigenen Autos bestellten wir im Hotel einen Taxifahrer für die Tour zum etwa dreißig Kilometer entfernten Kloster. Pünktlich war der Fahrer in einem klapprigen, gasbetriebenen weißen Lada zur Stelle. Nachdem wir nach einer guten halben Stunde die Innenstadt verlassen hatten, führte uns der Weg zunächst zu einer Gastankstelle. Hier mussten wir aus Sicherheitsgründen bereits fünfzig Meter vor der Tankstelle aussteigen. Es war recht kalt und der Fahrer hängte Uljana seine Jacke um die Schultern, die ziemlich streng roch, was sich zuvor bereits im Wageninnern bemerkbar gemacht hatte. Nach einem knapp zwanzigminütigen Aufenthalt in der Kälte ging es weiter nach Geghard zu einer der schönsten Klosteranlagen in Armenien, mit zwei Kirchen, zahlreichen Kapellen und in den Fels gehauenen, höhlenartigen Mönchszellen.

Foto: Taxifahrt. Foto: Rast vor Kapan. Aus: Eriwan. Kapitel 5. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Im Klostergarten stärkten wir uns nach der Besichtigung mit Sudschuch und fuhren danach weiter zur antiken Tempelanlage in Garni, die mit pathetischer Lautsprechermusik durchgängig beschallt wurde. Der eigentliche Tempel war gar nicht so sehenswert, viel beeindruckender war dagegen der atemberaubende Blick über das wunderschöne Tal. Wir genossen die Aussicht und die Nähe zur Natur und fuhren, nachdem wir uns satt gesehen hatten, zurück nach Eriwan. Dort verabschiedeten wir uns von Uljana, die in der Nacht zurück nach Deutschland flog. Sie kam als Lyrikerin und ging als Freundin.

Fortsetzung folgt

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