Eriwan. Aufzeichnungen aus Armenien. Kapitel 7

Die Ziegen der alten Dame

Anfang Januar hatten wir von Berlin-Tegel aus einen Superrückflug mit einem Airbus der Armavia Airlines, tagsüber zur Mittagszeit. Dank unserer neuen Kofferwaage gab es auch keine Schwierigkeiten mit dem Gepäck. Im Vergleich zum extrem verschneiten Berliner Winter war es in Eriwan regelrecht warm und angenehm, plus sechs Grad ohne Schnee. So mild blieb es die nächsten Wochen fast immer, nur an einer Handvoll Tagen schneite es, doch das alles war harmlos im Vergleich mit unserem harten und extrem langen ersten Winter in Armenien.

Foto: Eiszeit. Aus: Eriwan. Kapitel 7. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Erstmals bekamen wir am dreizehnten Januar die kurze und knackige Böllerbegrüßung des »alten neuen« Jahres mit. Dank des harmonischen Miteinanders des julianischen und des gregorianischen Kalenders feierten die Armenier gleich zweimal Neujahr, einmal am ersten und einmal am vierzehnten Januar. Der vierzehnte Januar markierte gleichzeitig das Ende einer zweiwöchigen Feierperiode, die mit Silvester begann, und an Weihnachten am sechsten Januar ihren Höhepunkt fand. Während dieser Zeit besuchen sich die Armenier gegenseitig zu Hause und es ist üblich, dass dort stets ein üppiges Speiseangebot für unangekündigte Gäste bereit gehalten wird. Nach den Feiertagen waren die Armenier dementsprechend körperlich und finanziell erschöpft.

Am vierzehnten Januar starb Katharina Rutschky und die Nachricht von ihrem Tod machte uns sehr traurig. Sie war eine wunderbare Frau, deren intellektuelle Standfestigkeit wir bewundert und deren Herzlichkeit wir stets genossen hatten. Das neue Jahr sollte für uns ein Jahr der Veränderungen werden. Alexandra hatte ihren Vertrag als Leiterin des Informationszentrums nicht verlängert und im Sommer wollten wir Armenien verlassen. Die Entscheidung war uns nicht leicht gefallen. Unser Leben in Eriwan war schön, Deutschland steckte in einer Wirtschaftskrise, ich konnte in Armenien konzentriert schreiben, Alexandra machte die Arbeit Spaß und sie hatte keinen Anschlussjob in Aussicht. Trotzdem hatten wir uns gegen eine weitere Vertragsverlängerung entschieden, weil wir von Anfang an drei Auslandsjahre als die ideale Zeit empfunden hatten.

Aussichten

Unsere Zukunft war offen. Das machte uns phasenweise zwar durchaus nervös, war in erster Linie aber schön und aufregend. Wo es anschließend hingehen würde, war uns weniger wichtig, stark war allerdings der Wunsch nach einer einzigen gemeinsamen Wohnung. Unsere Wohnung in Eriwan und unsere kleine Berliner Verlagsbürowohnung samt großem Bücherlager waren zwar schön, doch auch recht provisorisch. Ich freute mich jedenfalls schon darauf, meine beiden Bibliotheken zusammenzuführen und die neuen Wände mit Bücherregalen tapezieren zu können. Nach dem turbulenten Vorjahr wollten wir unsere letzten Monate in Armenien genießen. Ich hatte das letzte Drittel meines Romans in Angriff genommen und Alexandra schrieb fleißig Bewerbungen. Außerdem wollten wir noch einige Reisen im Land unternehmen und uns in Ruhe von dem Land, den Menschen und unseren Freunden verabschieden. Zuvor musste Alexandra aber an der Französischen Universität ihr englischsprachiges Geopolitics-Blockseminar halten. Wider Erwarten konnten einige der Studenten gar kein Englisch, überraschenderweise aber zählten genau diese Sprachunkundigen zu den fleißigsten Besuchern des Seminars. Alexandra brachte ihnen die Quellentexte in französischer Übersetzung mit und einige Kommilitonen übersetzten den Vortrag simultan.

Am zweiten Seminartag kam es zu einem Zwischenfall, als sich ein Student beschwerte und vehement forderte, das Thema »Deutsch-Französische Beziehungen« sofort abzubrechen und stattdessen die deutsch-armenischen zu behandeln, da die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich für Armenier völlig irrelevant seien. Glücklicherweise sah der Rest des Kurses dies anders. Der Student verzichtete auf einen weiteren Kursbesuch und Alexandra konnte ihren Unterricht fortsetzen.

Poolbauten. Aus: Eriwan. Kapitel 7. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Ein letztes Mal stand der Besuch der Auswahlkommission in Eriwan an und am Montagabend sollte die Leiterin des Kaukasus-Referats in Eriwan landen. Alexandra fuhr mit Samuel zum Flughafen, um sie abzuholen, doch sie hatte es leider versäumt, die Flugdaten vorher noch einmal zu überprüfen. Zwei Stunden zu früh waren die beiden deshalb vor Ort und mussten die Zeit mit Warten im ungemütlichen Flughafencafé überbrücken. Der Besuch im Bildungsministerium am nächsten Tag verlief dagegen sehr gut und der Minister freute sich, seine im letzten Jahr in letzter Minute abgesagte Deutschlandreise bald antreten zu können. Am Nachmittag ging es dann zur Französischen Universität. Zwischen den Terminen stellte Alexandra fest, dass ihre Füße kalt und nass waren, und ein Blick auf ihre Schuhsohlen sorgte für Entsetzen. Beide Sohlen waren an der gleichen Stelle quer durchgebrochen und der Schneematsch hatte freie Bahn, obwohl Alexandra ihre Lieblingsstiefel erst eine Woche zuvor in Armenien hatte neu besohlen lassen.

Armenische Röhre (artistisch). Aus: Eriwan. Kapitel 7. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Am nächsten Tag traf Alexandra die Kommissionsmitglieder zu einem Stadtrundgang. Auf die Führung hatte sie sich mit einem zwei Jahre alten Reiseführer vorbereitet, in dem über die Northern Avenue zu lesen war, dass die Straße »durch moderne Architektur, nette Geschäfte und Cafés sowie die erste Tiefgarage in Armenien« besteche. Die noch immer gespenstisch leere, halbfertige Bauruinenlandschaft mit einer ebenfalls halbfertigen Tiefgaragen-Untertunnelung kam diesem Wunschbild leider nur halbwegs nah. Der am Ende der Straße befindliche Armani-Shop regte jedoch einen der Professoren dazu an, eine Anekdote über Liz Mohn zu erzählen, die bei einer Veranstaltung in Deutschland in Anwesenheit des armenischen Präsidenten statt von Armenien die ganze Zeit von »Armanien« gesprochen hatte.

Schlucht (Garni). Aus: Eriwan. Kapitel 7. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Im Anschluss an den Stadtrundgang ging es in die Kognak-Fabrik, wo der Delegation zunächst ein putziger Werbefilm gezeigt wurde: »In Russia, Ararat Cognac is a part of every day life.« Nach dem Film gab es eine Führung durch die Lagerhalle. Hier reiften die Kognak-Fässer und gaben während der Reifung zwanzig Prozents ihres Inhalts an die Umgebungsluft ab, den sogenannten Engelsanteil. Die Ablagerungen dieser Ausdünstungen werden laut A. F. Th. van der Heijden wiederum Engelsdreck genannt: »Es ist die einzige Art, in der Engel sichtbar werden. In Form ihres eigenen Negativs. Als Schmutzablagerung ... Dreck.«

Eine Fassreihe in der Kognak-Fabrik war berühmten Persönlichkeiten gewidmet, Charles Aznavour gar eine ganze Kognak-Allee. Beim Rundgang durch das Museum war zu erfahren, dass »Ararat Cognac« in lateinischer Schrift »Brandy« heißen muss, in kyrillischer Schrift aber »Коньяк« heißen darf und es wurde gezeigt, wie man ein Kognak-Glas richtig füllt. In das Glas darf nur so viel Kognak einschenkt werden, dass man das bauchige Glas noch um neunzig Grad drehen und auf den Tisch legen kann, ohne dass Kognak heraus fließt. Außerdem lernte die Delegation, wie man die Farbe, den Geruch und Klang des Kognaks bewertet und durfte schließlich dreijährigen, zehnjährigen und zwanzigjährigen Kognak kosten. Nebenbei wurden die interkulturell bedeutsamen Unterschiede bei der Benennung der Spuren, die der Kognak beim Schwenken im Glas hinterlässt, beleuchtet. Die Armenier nennen diese Spuren »Engelstränen«, die Franzosen »Frauenbeine«, die Deutschen »Kirchenfenster«.

Am Sewansee. Aus: Eriwan. Kapitel 7. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Gut gelaunt und mit reichlich zwanzigjährigem Nairi-Kognak im Gepäck nahm die Kommission am Nachmittag ihre Arbeit auf und verließ an den darauffolgenden Tagen den Interview-Raum nur noch zum Essen. Beim Abendessen erzählte einer der Professoren die schockierende Geschichte von einer Studentin, die sich als irre Stalkerin entpuppt hatte und seit Jahren mittlerweile von Pakistan aus eine Hetzkampagne im Internet gegen ihn führe, in dem er als »Nazi-Professor« und Schlimmeres diffamiert werde. Dies war schon der zweite von einer Stalkerin verfolgte Professor, den wir kennengelernt hatten. Erschütternd war es auch zu erfahren, wie wenig man gegen solche Hetzkampagnen tun konnte.

Samstag früh musste die Kommission schon wieder abreisen, doch für Alexandra gingen die Auswahlen weiter und am Montag waren die Sonderstipendien für Absolventen des Deutschen Sprachdiploms an der Reihe. Dank einer nur zehnjährigen Schulzeit bis zur Hochschulreife, nominell eigentlich elf, waren die Bewerber für das Stipendium erst zwischen fünfzehn und sechzehn Jahre alt. Besonders hübsch waren die Bewerbungsschreiben zweier Jungen, die in Deutschland Jura beziehungsweise Wirtschaftswissenschaft studieren wollten. Ihre Lebensläufe hatten sie im Stil von Steckbriefen verfasst, unter anderem mit der Kategorie »Aussehen«. Der erste Kandidat hatte dort über sich geschrieben: »Groß, gutaussehend, schön«. Der zweite: »Groß, gutaussehend, dick«.

Armenische Röhre. Aus: Eriwan. Kapitel 7. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Ich arbeitete an meinem Roman und hörte viel klassische Musik, hauptsächlich von Johann Sebastian Bach, aber auch Orgelmusik von John Bull und John Blow – Komponistennamen wie aus einem Comic von Robert Crumb. Außerdem schwamm ich Roman um Roman, jeweils zwanzig Fünfzigmeter-Bahnen für jedes der achtzehn Kapitel plus Pro- und Epilog. Seltsame Fön-Beobachtungen sammelte ich in der Umkleidekabine des Fitnessstudios. Ich konnte einen Mann beobachten, der sich nach dem Duschen die Füße fönte, ein Jugendlicher wiederum fönte sich beim Anziehen die Achseln. Er hatte schon sein T-Shirt an und unter den Achseln waren Schweißflecken zu erkennen, die der Junge anscheinend wegfönen wollte. Später beobachtete ich einen Mann, der vom Fitnesstraining kam, seine nassen Socken fönte und den Fön direkt in die Sockenöffnung steckte. Interessante Fön-Beobachtungen konnte man auch in der Damen-Umkleidekabine machen. Meike erzählte von einer Frau, die sich den nackten Po gefönt hatte und Alexandra wurde Zeugin, wie sich eine andere Frau unter dem Trainingsanzug mit dem Fön die nassgeschwitzte Unterhose trocknete.

Anfang des Jahres war ich unter die Twitterer gegangen und twitterte am fünften Februar folgende Sätze: »Im Badezimmer Konfrontation mit einem echt großen Skorpion. Leider entkommt er unter die Türschwelle. Unangenehm!« Am nächsten Morgen fand ich dann einen erstaunlichen Link in meinem E-Mail-Postfach. In einem Blog-Artikel erhob Deef Pirmasens Plagiatsvorwürfe gegen den Bestseller-Roman »Axolotl Roadkill« von Helene Hegemann. Sie sollte Passagen aus dem Roman »Strobo« abgeschrieben haben, den wir fünf Monate zuvor in unserem Verlag veröffentlicht hatten. Ich twitterte die Nachricht sofort weiter und korrespondierte am Morgen mit Rüdiger Dingemann, der den Medienticker des Perlentaucher herausgab. Um acht Uhr fünfzig deutscher Zeit erschien die Nachricht dann im aktualisierten Medienticker vom Vortag, den über zehntausend Personen, darunter viele Medienschaffende, abonniert hatten. Wieder einmal hatte sich der armenische Zeitvorsprung von drei Stunden bezahlt gemacht. Den Vormittag verbrachte ich mit Surfen und Emails schreiben. Ich schrieb knapp zwei Dutzend mir bekannte Zeitungsredakteure, Journalisten und Literaturkritiker an. Um dreizehn Uhr vierundfünfzig deutscher Zeit erschien die Plagiatsverdacht-Nachricht dann auf buchmarkt.de, dem »Ideenmagazin für den Buchhandel«. Nach einer iChat-Konferenz mit Frank und Torsten gingen Alexandra und ich in die Stadt zum Inder.

Foto: Xerox. Aus: Eriwan. Kapitel 7. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Nach dem Essen besuchten wir mehrere Fotografen, da Alexandra für ihr Tadschikistan-Visum neue Passbilder brauchte. Auf der Abovian Straße reihte sich ein Fotograf an den anderen und wieder einmal zeigte sich die bei armenischen Unternehmern bekannte Tendenz zur Cluster-Bildung. Gleich den ersten Fotografen probierten wir aus. Im Vorraum verkaufte er Audio-Cassetten und Batterien, im Hinterzimmer bot er uns acht Fotos für umgerechnet drei Euro an. Wir willigten ein und nahmen nacheinander auf einem wackeligen Schemel Platz. In der Ecke stand eine eingestaubte Kinderzimmer-Frisierkommode und daneben hingen mehrere bereits gebundene, ebenfalls eingestaubte Krawatten. Die Ergebnisse des Shootings waren erschreckend. Auf meinem Foto hatte ich rot und schwarz gefärbte Haare und sah aus wie eine ostdeutsche Biathletin.

Unser nächster Versuch führte uns in eine winzige Bude, in der eine ganze Gruppe von Fotografen hockte, alle ordentlich angesoffen. Die Entwicklung der Fotos sollte drei Tage dauern und wir lehnten dankend ab. Beim dritten Fotografen waren wir schließlich erfolgreich und Alexandras Passbilder waren sogar einigermaßen brauchbar. Allerdings musste sie noch für ein Extrabild posieren, ein Porträt, das ihr der Fotograf schenken wollte. Dabei musste sie sich nach vorn beugen und mit den Fingern den Bügel ihrer Brille berühren, so wie auf einer Brillenwerbung. Der Fotograf duldete keine Widerrede – das bewies auch der Blick auf die Wand im Hintergrund, die voll war mit Brillenträgerporträts in exakt derselben Haltung. Nach einer halben Stunde präsentierte uns der Fotograf das Ergebnis. Trotz Stativ war das Porträt unscharf und Alexandras Augen durch das Brillengestell zerschnitten. »Schlechte Bilder gibt es bei mir nicht«, erklärte der Fotograf stolz. Auch er schien ein bisschen angetrunken zu sein, offenbar neigte der gesamte Berufsstand zum Alkoholismus. Kein Wunder, wenn man den ganzen Tag allein in diesen kleinen, fensterlosen Räumen zubringen musste.

Den Sonntag widmeten wir wieder »Strobo« und ich korrespondierte mit mehreren Journalisten. Um vierzehn Uhr vierzig deutscher Zeit äußerten sich dann Helene Hegemann und die Ullstein-Verlegerin Siv Bublitz in zwei Pressemeldungen zum Vorwurf und dabei gab Helene Hegemann zu, von Airen abgeschrieben zu haben. Erfreut über diese Nachricht stiegen Alexandra und ich die bröseligen Stufen an unserem Haus hinab und kamen pünktlich zur Verabredung mit unserem Nachbarn Armen. Armen war vierunddreißig Jahre alt und arbeitete als Wachmann bei der benachbarten indischen Residenz. Er sprach englisch, war freundlich, verwickelte uns immer wieder gern in Gespräche und machte einen leicht verrückten Eindruck. Schon viele Male hatte er uns zu sich eingeladen und nach Wochen und Monaten hatten wir ausgerechnet an diesem Sonntag einem Treffen zugesagt. Dabei mussten wir feststellen, dass Armen tatsächlich verrückt war.

Treppe. Aus: Eriwan. Kapitel 7. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Die Einrichtung seiner Wohnung bestand aus einem Bett, einem selbstgezimmerten Tisch und einem großen Allesbrenner. Armen reichte Gebäck, Obst und Süßigkeiten und wir nahmen auf der Bettkante Platz. Armen erzählte, dass das Geheimnis eines langen Lebens in der Gottesfürchtigkeit liege, wie ja die Altersangaben in der Bibel bewiesen. Seine Freizeit verbrachte er mit dem Zeichnen von symbolistischen Miniaturen auf Rechenkästchenpapier, die Bienen, seinen Arbeitsplatz oder Ufos darstellten. Mit seinem Bruder hatte er in der Gegend von Armavir auch schon selbst Ufos gesichtet. Es war ein bizarres und unheimliches Treffen. Nach knapp einer Stunde konnten wir uns schließlich losreißen und Armen kündigte sogleich seinen Gegenbesuch an. Wir liefen die Treppen hoch und betraten aufatmend unsere Wohnung, um sogleich wieder in die »Strobo«-Welt zu versinken.

Von Anfang an war uns klar gewesen, dass die Geschichte hohe Wellen schlagen würde. Am Montag nahm der Wahnsinn dann seinen Lauf: Berliner Morgenpost, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Deutschlandradio, Spiegel Online, Die Welt, Süddeutsche Zeitung, Corriere Della Sera ... In der Presse wurde spekuliert, ob der Autor und der Verlag sich über das Abschreiben freuten und geschmeichelt fühlten, und am Montagmittag sahen Frank und ich uns genötigt, eine Pressemitteilung zu veröffentlichen. Halbminütlich tickerten fortan Emails, Neuigkeiten und Anfragen bei uns ein. Der Figaro schrieb am Dienstag über die Affäre, die New York Times am Freitag. Die Hauptwucht der Anfragen fing Frank in Berlin ab, aber auch in Eriwan war das Beben gewaltig zu spüren. In den nächsten Tagen setzte ich mich frühmorgens vor das MacBook und blieb dort bis spät abends sitzen, nur gelegentlich stand ich auf, um auf Toilette zu gehen oder ein Müsli oder eine Banane zu essen. Stündlich twitterte ich Links zu neuen Blog- und Presseartikeln und verschickte allein in der ersten Woche über dreihundertsiebzig E-Mails. Eine Riesenherausforderung war die Organisation des »Strobo«-Verkaufs. Bis spät in die Nacht beratschlagten Frank, Torsten und ich uns mittels miserabler, ständig abreißender Skype- und iChat-Verbindungen. Das Interesse an »Strobo« war sprunghaft gestiegen, neue Bücher mussten gedruckt und auch versendet werden – und das von einem Moment auf den anderen. Plötzlich war unser Buch auf dem Amazon-Verkaufsrang einundreißig, und das, obwohl die Bücher nur direkt über Amazon Marketplace angeboten wurden und also einzeln von uns verschickt werden mussten.

Foto: Markthalle. Aus: Eriwan. Kapitel 7. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Parallel dazu liefen die Verhandlungen mit Ullstein. Es waren dramatische Tage. Wir trafen existentielle Entscheidungen und warfen alles in die Waagschale. Der Ullstein Verlag erwies sich als harter, aber fairer Verhandlungspartner, trotzdem zehrte die Auseinandersetzung an unseren Nerven. Erstaunt waren wir über einige Reaktionen in der Presse. Dass sich die Autorin mit dem Hinweis auf Intertextualität aus der Verantwortung ziehen wollte, konnte man ihr nicht verübeln, dass aber etliche Journalisten und Literaturkritiker das schluckten und munter über Samples und die Sharing-Kultur philosophierten, verblüffte uns und vieles geriet in der Diskussion durcheinander.

Foto: Grabstätte. Aus: Eriwan. Kapitel 7. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Als die erste Woche des Skandals überstanden war und sich der Ullstein Verlag, Airen und SuKuLTuR geeinigt hatten, atmeten wir auf. Am Dienstag flog ich von Eriwan nach Berlin. Inzwischen gab es schon Anfragen von Filmproduktionsfirmen und ausländischen Verlagen, auch über die Hörbuchrechte von »Strobo« musste verhandelt werden. Vor allen Dingen aber musste ich Frank in Berlin beim Versand helfen. Bis nachts schrieb er Rechnungen und machte Büchersendungen mit »Strobo« für Buchhandlungen und Privatbesteller fertig, die um zwei oder drei Uhr nachts in die Briefkästen in Reinickendorf verteilt wurden und diese schier zum Platzen brachten. Klack, klack, klack, bis der Kasten voll war, dann ging es weiter zum nächsten Briefkasten, bis auch in diesen nichts mehr hineinpasste. Direkt nach meiner Ankunft ging es dann ins Büro und ich musste sieben Stunden lang Hunderte »Strobo«-Sendungen verpacken. Um drei Uhr nachts waren wir fertig. Am nächsten Vormittag brachten wir die Pakete und Büchersendungen dann zur Post – es war ein blitzschneller und bis ins Detail choreographierter Überfall. Während Frank die Pakete am Schalter wiegen und frankieren ließ, trug ich Kiste um Kiste der bereits frankierten Büchersendungen aus dem vor der Post parkenden Auto in das Gebäude und musste insgesamt mehr als zwölfmal hin und herlaufen. Torsten stand derweil in der Druckerei und überwachte die Produktion der nächsten Auflage.

Stilles Wasser. Aus: Eriwan. Kapitel 7. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

In Eriwan machte Alexandra derweil Bekanntschaft mit einer Ratte. Schon lange klaffte im Dielenboden unseres Flurs ein großes Loch, das Alexandra mit einem dicken Paar Socken verstopft hatte. Plötzlich waren die Socken verschwunden, und Alexandra wurde in der Nacht von einem lauten Geräusch geweckt, dessen Ursache sie aber zunächst nicht herausfinden konnte. Als sie dann am anderen Morgen um sieben Uhr am Computer ihre E-Mails abrief, huschte eine Ratte hinter ihrem Rücken in die Küche und versteckte sich hinter dem Herd. Alexandra packte sofort alle Lebensmittel zusammen und entsorgte den Müll. Dennoch lärmte die Ratte fortan jede Nacht in der Küche und Alexandra litt seitdem unter massivem Schlafentzug.

Am Dienstag flog ich zurück nach Eriwan. Am Vortag hatten Frank und ich eine Freundin eingearbeitet, die sich nun an mehreren Vormittagen in der Woche um den »Strobo«-Versand kümmern sollte. Die Pressearbeit war eine Sache, die Ullstein-Verhandlungen eine andere – dass wir aber die schnelle Nachproduktion und auch den »Strobo«-Versand in Eigenregie hinbekommen hatten, darauf waren wir am meisten stolz. Immer wieder hatte ich an die Geschichte der Goldenen Zitronen denken müssen, die nach einem Bild-Zeitungsartikel mit ihrer Single »Am Tag als Thomas Anders starb« in die Charts hätten stürmen können, wenn es nicht so viele Probleme mit dem Presswerk und dem Vertrieb gegeben hätte. Mein Rückflug war viel angenehmer als der Hinflug. Am Flughafen wurde ich von Edik abgeholt, der sich bei uns gleich noch den tropfenden Wasserhahn im Bad anschaute und am anderen Tag in einer Fünfminuten-Aktion auswechselte. In der Nacht wurde ich dann von der Ratte geweckt. Mit aller Kraft hatte ich die Tür zwischen der Diele und dem Wohnraum verriegelt und mehrere Stunden lang versuchte die Ratte die Tür zu öffnen. Dabei veranstaltete sie einen Riesenlärm, den wir aus unserem Bett belauschten, aber all ihre Anstrengungen waren letztlich vergeblich. Am nächsten Tag kam dann Samuel vorbei und schloss das Loch im Fußboden in der Diele mit Steinen und einem Gemisch aus Zement und Glasscherben. Beim Entfernen der Fußbodenleisten entdeckten wir erst die Größe des Loches. Die Dielen waren zu kurz und schlossen nicht mit der Wand ab und Samuel musste mehrere Zement-Glas-Mischungen anrühren, um das Loch zu schließen, indem sich mehrere Rattenfamilien hätten verschanzen können. Dann war unsere Wohnung endlich wieder rattenfrei.

Foto: Rattenloch. Aus: Eriwan. Kapitel 7. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Kaum etwas bekam ich von den Olympischen Winterspielen in Vancouver mit, auch bei den Armeniern fanden die Spiele kein großes Interesse. Vier Skiläufer hatte das Land nach Kanada geschickt. Bei den Olympischen Winterspielen in Turin waren ebenfalls vier Skiläufer am Start gewesen, die alle den jeweils letzten oder vorletzten Rang belegt hatten. Gegen Ende der Spiele las Alexandra dann eine armenische Pressemitteilung mit der Überschrift »Wir sind nicht letzter«: Ein armenischer Skicross-Läufer hatte in Vancouver von neunzig Startern immerhin den neunundsiebzigsten Rang erreicht.

Foto: Winterlandschaft. Aus: Eriwan. Kapitel 7. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Im Februar musste Alexandra die armenischen Bewerber für ein Praktikum im Ökolandbau prüfen. Dazu waren ihr von einem Ökolandbau-Verein in Deutschland die Prüfungsunterlagen übersandt worden. Die angehenden Landwirte mussten nicht nur ein Diktat schreiben, sondern auch Fragen zum Allgemeinwissen beantworten, etwa: »Wie hießen die letzten deutschen Kaiser?« Zum Abschluss musste Alexandra die Kandidaten zu ihren Erfahrungen im Traktorfahren befragen. Es war einer der Momente, in denen ihr der Job ganz besonders viel Spaß machte.

Nachdem unsere Wohnung wieder rattenfrei war, konnten wir unsere Freunde Nelly, Levon und Vahram zu uns nach Hause einladen. Wegen der »Strobo«-Ereignisse hatten wir das Treffen schon mehrfach verschieben müssen. Wir kochten Gulasch und buken Waffeln. Beim Aufräumen vor dem Eintreffen der Gäste entdeckten wir in einem Blumentopf einen Mini-Skorpion. Einige Tage zuvor war in der Badewanne auch wieder der große Skorpion aufgetaucht, der mir am Abend vor der »Strobo«-Enthüllung entwischt war. Diesmal duschte ich ihn weg, zwei Tage später tauchte er aber wieder auf. Ich wollte Badewasser einlaufen lassen und sprühte bereits misstrauisch den Wannenüberlauf ab, da löste sich etwas aus dem rostigen Überlauf, fiel vom Wasserstrahl erfasst in die Wanne und gab sich als enttarnter Riesenskorpion zu erkennen. Diesmal kannte ich kein Pardon, beförderte den Skorpion mit einem Kehrblech auf den Balkon und zertrat ihn mit meinem Birkenstock-Imitat.

Der Abend mit unseren Gästen war sehr schön. Sie mussten auf Monoblocksesseln Platz nehmen, da unsere anderen Stühle nach und nach ihren Geist aufgegeben hatten und wir nur noch einen einzigen nicht zersessenen Stuhl mit vier Beinen besaßen. Beim Essen stieß ich eine Diskussion über die oppositionelle Haltung der armenischen Intellektuellen während der Sowjetdiktatur an. Levon meinte, dass die armenischen Intellektuellen eher angepasst gewesen seien, während Nelly und Vahram das Engagement vieler Intellektueller in der Karabach-Bewegung hervorhoben. Insgesamt seien die Freiheiten in Armenien aber größer als in anderen Teilen der Sowjetunion gewesen, so der gemeinsame Tenor, weshalb es auch keine bedeutende Widerstandsbewegung in Armenien gegeben hätte.

Der Februar war turbulent gewesen und der März begann nicht weniger aufregend. Am ersten März ging ich nach einem Vormittag am Schreibtisch bei »Cactus« mittagessen, bestellte wie immer den »Cattleman's Steakburger« und saß allein in einem Teil des Restaurants vor einem an der Wand angebrachten, ausgeschalteten Flachbildfernseher. Nach einer Viertelstunde brachte mir die Bedienung das Essen, bekam offenbar Mitleid mit mir, schaltete den Fernseher ein, wählte den Wildlife-Sender für mich aus und verschwand. Während ich aß konnte ich so der Schlachtung einer Giraffe und der Vermessung ihrer Gedärme beiwohnen – zur gleichen Zeit bekam Alexandra einen Anruf aus der DAAD-Zentrale in Bonn. Im Dezember war die Leitung des für die Informationszentren zuständigen Referats ausgeschrieben worden und Alexandra hatte sich auf die Stelle beworben, Ende Januar allerdings erfahren, dass die Stelle doch intern besetzt werden würde.

Foto: Armenische Röhren (Metall auf Metall). Aus: Eriwan. Kapitel 7. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Die stellvertretende Referatsleiterin erklärte, dass die Stelle immer noch unbesetzt sei und die designierte Stelleninhaberin ihre Arbeit erst im Januar 2011 aufnehmen könne, und fragte, ob Alexandra die Stelle vertretungsweise bis Dezember übernehmen könne. Arbeitsbeginn: So schnell wie möglich, am besten sofort. Alexandra erbat sich eine kurze Bedenkzeit. Sie besprach die Angelegenheit mit ihren Mitarbeiterinnen Meri und Ani, die sich zwar einerseits für Alexandra freuten, andererseits aber auch ziemlich geschockt waren. Während der Teamsitzung gab es viel Schokolade und gerötete Augen. Am nächsten Tag meldete sich Alexandra dann bei der Personalleiterin und erhielt Entwarnung. Die Stelle sollte nicht sofort, sondern erst zum ersten Juni besetzt werden.

Die Rahmenbedingungen klangen gut, es war allerdings schade, dass die Stelle auf sieben Monate befristet war. Inhaltlich entsprach sie genau Alexandras Wünschen, sie sollte die Informationszentren weltweit betreuen und Fortbildungen für die Leiter und Ortskräfte entwickeln. Die Befristung machte zudem unsere gemeinsame Wohn- und Lebensplanung schwierig. Während sich Alexandra nach unserer Rückkehr zunächst eine vorübergehende Unterkunft in Bonn suchen würde, würde ich erst einmal in unserer Berliner Wohnung bleiben. Angesichts der vielen Unwägbarkeiten fiel es mir schwer, mich auf die literarische Arbeit und meinen Roman zu konzentrieren. Ich lenkte mich mit kleineren Arbeiten ab, unter anderem einem Comic-Skript, außerdem hatte ich noch vor dem »Strobo«-Wahnsinn eine Anfrage einer Popband aus Leipzig bekommen. Die Gruppe produzierte netten Gitarrenpop, hatte bislang nur auf Englisch gesungen und suchte einen deutschen Texter. Dem Sänger gefielen meine Gedichte und hatte mich deshalb angeschrieben. Ich freute mich, wieder Liedtexte schreiben zu können, hatte sogleich ein paar Ideen und verfasste in kurzer Zeit drei Texte.

Foto: Tafel. Aus: Eriwan. Kapitel 7. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Eines Abends waren wir mit Meike und Hans verabredet, die gerade von einer längeren Reise durch Tansania zurückgekehrt waren und uns braungebrannt in ihrem Haus begrüßten. Es gab leckeren Linsen-Dal und alkoholfreies Bier, und wir tauschten die vielen Neuigkeiten aus. Auch Meike und Hans wollten in diesem Sommer nach Deutschland zurückkehren. Sie erzählten von ihrer Tour durch die tansanischen Naturschutzgebiete und zum Schluss freuten wir uns gemeinsam auf das Leben in Deutschland, auf unsere Freunde, Fahrrad fahren und das tägliche Zeitungslesen.

Hundegrab. Aus: Eriwan. Kapitel 7. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Im Supermarkt wurde ich beim Einkaufen angesprochen. Eine Regalpackerin, die Deutsch an der Brjussow-Universität studiert hatte, gab sich als zukünftige »Der Knubbel«-Übersetzerin zu erkennen. Auf Initiative der Lehrstuhlleiterin Germanistik sollte ein Übersetzerforum an der Universität eingerichtet werden und ich hatte der Initiatorin Jelena, die auch Alexandras ehemalige Russischlehrerin war, einige PDFs der »Schöner Lesen«-Reihe zur Verfügung gestellt, die gern übersetzt und dann auch auf Armenisch veröffentlicht werden könnten. Meiner zukünftigen Übersetzerin, die noch nicht mit der Arbeit angefangen hatte, erklärte ich, dass es gewiss kein leicht zu übersetzender Text sei, aber gratulierte ihr, denn immerhin dürfe sie ja den ersten Band der Reihe übersetzen. »Nein, nein«, antwortete sie und schüttelte den Kopf. Die Geschichte heiße nicht »Der erste Band«, sondern anders. Ich lächelte und war gespannt, wie sie den ersten Satz der Erzählung übersetzen würde: »Die Sonne meiner Kindheit bestrahlte mich jahraus jahrein freundlich-hell, damals standen hohe UV-Schutzfaktoren kurz vor der Ausrottung, und erst als der ungebetene Gast meinen Körper aus heiterem Himmel überfiel, zog meine Sonne Wasser, und mein Gemüt fisselte von nun an trübe und rauh.«

Am achten März war wieder Frauentag, in Armenien ein völlig unpolitischer Feiertag, an dem den Frauen Schönheit und Gesundheit gewünscht wurde. Wir brachten unserer Vermieterin Sirousch ein Päckchen Pralinen und ich erhielt als Gegengeschenk ein Glas eingelegte Aprikosen, das wir zu dem Dutzend anderer Gläser in unseren Balkonschrank stellten. Danach führte Alexandra ihr erstes längeres Gespräch mit den Nachbarn unter uns. Dabei wuchs das Vertrauen in die Statik unseres windschiefen Hauses, denn der Schreihals, der unseren Nachbarn Armen schon mit einem Messer bedroht hatte, war von Beruf Bauingenieur, seine schweigsam-grummelige Frau Ärztin und ihr Rotzlöffel wahrscheinlich Atomphysiker. Am nächsten Tag hatten wir ein Treffen mit einem Umzugsunternehmer, der uns von einer günstigen Beilade-Möglichkeit nach Berlin erzählte. Im Kopf begannen wir sogleich, Kisten zu zählen, doch alle Planungen schienen am Tag darauf umsonst gewesen zu sein. Alexandra telefonierte mit der Zentrale in Bonn, die ankündigte, dass Alexandra ihren Dienst bereits am ersten April antreten solle. Das löste eine kurze Panik bei uns und im Büro aus, doch schon am Nachmittag stellte sich alles glücklicherweise als Missverständnis heraus.

Kräne mit Ararat. Aus: Eriwan. Kapitel 7. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Mitte März flog Alexandra nach Bonn, um ihre neuen Aufgaben zu besprechen. Ich blieb zurück, schrieb und genoss die Tage. Ende April sollte im Architekturmuseum mein erster Lesungsauftritt in Eriwan stattfinden. Es war frühlingshaft warm und starke Winde wirbelten durch die Straßen. Die Armenier hatten für diese Zeit einen Namen: Die Ziegen der alten Dame. Eine alte Frau lebte einst in einer Hütte in den Bergen. Sie hielt mehrere Ziegen, deren Milch sie im Tal verkaufte. Aus Habgier begann sie damit, die Milch der Ziegen immer stärker zu verdünnen. Zur Strafe wurden die Ziegen eines Tages von einem starken Wind erfasst und ins Tal geweht. Dort sucht die alte Frau die Ziegen noch immer.

Ende