Eriwan. Aufzeichnungen aus Armenien 1

Aygedsor

Seit September wohnten wir in Eriwan. Wir fühlten uns pudelwohl und genossen die Zeit nach den aufregenden letzten Monaten in Berlin. Unsere Wohnung befand sich im Stadtteil Aygedsor, ganz in der Nähe von Alexandras Büro. Zum Stadtzentrum lief man etwa zwanzig Minuten, man konnte aber auch eine Station mit der Metro fahren. Zur Wohnung gehörte ein uralter Hund, der morgens und abends vor unserer Tür sein Futter forderte und den wir Udo nannten. Seinen armenischen Namen konnten wir uns nicht merken.

Foto: Udo. Aus: Eriwan. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens. Kapitel 1.

Unsere Wohnung war größtenteils möbliert, besaß drei Zimmer und eine geräumige Veranda mit einer traumhaften Aussicht auf die Hrasdan-Schlucht und den Ararat. Das Wetter war hochsommerlich, eher heiß als warm. Die Lichtschalter in der Wohnung waren in Kniehöhe angebracht und die Türen relativ niedrig. Schon mehrmals hatte ich mir den Kopf gestoßen, trotzdem genoss ich den Arbeitsplatz daheim, hatte einen neuen Roman begonnen und setzte mich mit dem Computer und meinen Unterlagen so oft ich konnte auf den Balkon.

Foto: Veranda mit Aussicht auf die Hrasdan-Schlucht und den Ararat. Aus: Eriwan. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens

Ins Internet kamen wir per Telefonmodem. Via Satellit empfingen wir in der Wohnung die deutschen Fernsehsender ARD, ZDF, Arte, Vox, RTL II, Das Vierte, Super RTL und Deutsche Welle. Die Zeitverschiebung betrug plus drei Stunden. Das einzige, was wir bislang im Fernsehen angeschaut hatten, waren Zoo-Dokumentationen. Wenn wir nicht von anscheinend unsichtbaren Mücken zerstochen worden wären, unsere Nachbarn nicht gerade einen neuen Swimmingpool gebaut und wir keine Mottenplage in der Küche gehabt hätten, dann wäre unser Glück vollkommen gewesen.

Der Straßenverkehr war höllisch. Überall in der Stadt gab es Baustellen. Wenn wir motorisiert unterwegs waren, standen wir eigentlich immer im Stau. Das beliebteste Verkehrsmittel waren Marschrutkas, kleine Minibusse, die nur auf Armenisch beschriftet waren. Seit kurzem hatten die Sammeltaxis immerhin Nummern und zeigten die Haltestellen an. An Kreuzungen befanden sich die Autofahrerampeln auf der gegenüberliegenden Seite, was auch für die Fußgänger wichtig war, denn die Fußgängerampeln funktionierten häufig nicht. Autos hatten grundsätzlich Vorfahrt, und beim Überqueren der Straße mussten wir auf unsere Füße achten. Eriwan war sehr verwinkelt und viele Straßennamen waren selbst unmittelbaren Nachbarn unbekannt. Alexandra war froh, dass dem Büro mit Edik ein Fahrer zur Verfügung stand, der sich in der Stadt hervorragend auskannte.

Das Einleben war uns auch deshalb so leicht gefallen, weil wir viele nette Menschen kennengelernt hatten. Edik holte uns nicht nur vom Flughafen ab, sondern hatte in unserer Wohnung den Kühlschrank gefüllt und Blumen aufgestellt. Im Büro sorgten Meri, Ani und Lana für gute Laune und auch mit Bianca, der deutschen Sprachassistentin, verstanden wir uns prima. An den Wochenenden unternahmen wir Ausflüge in die Umgebung. Mit Edik und seinem blauen Schiguli aus dem Baujahr 1970 erkundeten wir den Tempel der Sonne, den Sewansee und die Heidi-hafte Gegend rund um Dilidschan. Die Landschaft war atemberaubend. Überall in der Natur versteckten sich uralte Kirchen und Klöster. In dem malerisch in einer Schlucht des Azat-Tales gelegenen Kloster Geghard lauschten wir einer armenisch-apostolischen Messe und bestaunten die in den Fels gehauenen Räume und die mit angeknoteten Taschentüchern übersäten Bäume neben dem Gotteshaus. Die orthodoxe Frömmigkeit hatte sich hier mit dem Brauch gepaart, Taschentücher an Bäume und Sträucher zu knoten, damit die Wünsche der Menschen in Erfüllung gehen.

Foto: Kloster Geghard. Aus: Eriwan. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens. Kapitel 1.

Wir tranken Wodka im elften Stock eines Hochhauses im sogenannten Bangladesch-Viertel. Die Möbel und der Boden des Wohnzimmers waren mit zum Trocknen ausgelegter Schafwolle bedeckt. Wasser gab es in den Wohnungen nur morgens und abends. Im Treppenflur des Hochhauses wurde manchmal sogar gegrillt.

Unvergesslich war der Abend bei Arto und Gayane, einem armenischen Wirtschaftsprofessor und seiner Frau. Nach und nach erfuhren wir mehr über die Erfahrungen der Armenier in den letzten zwei Jahrzehnten. Die »Wende« und der Zerfall der Sowjetunion wurden hier durchweg als Zusammenbruch erlebt. Sie führten zur völligen Geldentwertung, Armut und Verlust der technischen Infrastruktur. In den Wohnungen gab es damals kein Wasser und keinen Strom und die Heizungen funktionierten auch nicht. Durch den Krieg mit Aserbaidschan um Berg-Karabach wurden dann die Reste der armenischen Wirtschaft ruiniert. Ein Riesenproblem war die Abwanderung der Eliten. Armenien hatte auch mit hoher Arbeitslosigkeit zu kämpfen. Durch die niedrigen Löhne waren die Menschen gezwungen, zwei oder drei Jobs gleichzeitig auszuüben. Momentan war in Armenien allerdings ein Aufschwung zu spüren, auch die Infrastruktur funktionierte einigermaßen verlässlich. In unserer Wohnung hatten wir den ersten kurzen Stromausfall nach drei Tagen und nach einer Woche verbreitete das Radio die Nachricht, dass das Wasser in unserem Viertel für einen Tag abgestellt werden sollte. Das stimmte aber gar nicht.

In der Eriwaner Innenstadt gab es zahlreiche Cafés und Restaurants, in denen man draußen sitzen und die lauen Spätsommerabende verbringen konnte. Fast alle Männer rauchten pausenlos lange, dünne Slim-Zigaretten wie meine Großmutter. Das Essen war orientalisch mit russischen Einsprengseln. In dem selben Lokal konnte man Lahmacun und Blini bestellen. Die Supermärkte waren gut ausgestattet und bei den Händlern am Straßenrand konnte man köstliche Tomaten, Pfirsiche und Melonen kaufen. Abgesehen von Brot, Obst und Gemüse waren die Preise allerdings verhältnismäßig hoch und die meisten Waren kosteten so viel wie in Deutschland oder noch mehr.

Foto: Amerikanische Universität. Aus: Eriwan. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens. Kapitel 1.

In den Gärten in unserem Viertel wuchs Wein, und für Sirousch, unsere zweiundachtzigjährige Vermieterin, die zwei Stockwerke unter uns wohnte, hatte ich bereits auf einer wackeligen Leiter über dem Abgrund vor ihrem Haus Trauben ernten müssen. Gesundheitlich hatten wir glücklicherweise keine Probleme, allerdings musste Bianca nach dem Verzehr eines Bananen-Milchshakes in ein Krankenhaus eingeliefert werden.

Als Zeichen, das wir uns eingelebt hatten, gaben wir eine kleine Party zur Wohnungseinweihung. Es wurde das größte Gelage, das sich jemals in unseren Wänden abgespielt hatte. Es gab mehr zu essen als bei unserer Hochzeit, und das bei nur dreizehn Gästen. Schon um elf Uhr vormittags kamen Edik und seine Frau Greta bei uns an, mit Gayane, einer älteren Dame, die in den vergangenen Jahren mehrmals pro Woche bei unserer Vormieterin nach dem Rechten gesehen, gespült, gefegt und die Blumen gegossen hatte. Gayane bat uns, ihre frühere Tätigkeit für uns fortführen zu können. Die Vorstellung, dass eine neunundsechzigjährige Frau, die nicht mehr so gut sah und 1952 armenische Meisterin im Brustschwimmen geworden war, unseren Haushalt führte, war uns nicht geheuer. Sie sei aber auf das Gehalt angewiesen, erklärte Gayane, und so entschlossen wir uns, sie zu übernehmen, woraufhin sie uns freudestrahlend umarmte.

Zum Essen gab es armenische Dolma, Salate, Schaschlik und Krebse. Traditionell aß man zum Bier in Armenien Flusskrebse aus dem Sewansee. Edik hatte zwei Beutel mit lebenden Krebsen mitgebracht und zeigte mir, wie man sie fachgerecht zerlegt. Wir selber servierten ein indisches Lammgericht, außerdem Klöße, Rotkohl und Gulasch, das bei den Armeniern allerdings wenig Anklang fand. Am Ende war es uns unmöglich, alle Speisen gleichzeitig auf den Tisch zu stellen, und beim Abschied erklärten unsere armenischen Gäste, dass es in unserer Wohnung jetzt auch armenisch roch.

Foto: Dolma. Aus: Eriwan. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens. Kapitel 1.

Nachdem die kältere Jahreszeit die Mücken vertrieben hatte, machten wir langsam mit größeren Tieren Bekanntschaft. An dem Morgen nach unserer Einweihungsparty fanden wir auf unserem Balkon einen zertretenen Skorpion und es kostete mich enorme Überwindung, diesen mit dem Handfeger wegzukehren. Seit diesem Tag liefen wir in der Wohnung nicht mehr barfuss herum. Auch die Spinnen wurden im Laufe der Zeit größer und proportional dazu wuchs unser Mut. Ein beachtliches Exemplar kickte ich mit dem Hausschuh einfach aus der Wohnung ins Freie. Angeblich sollte es hier auch Schlangen geben, doch zum Glück hatten weder wir noch unsere armenischen Freunde und Bekannten bislang welche gesehen. Ansonsten streunten in der Stadt Katzen und armselige Straßenhunde herum, die in jedem Disney-Film hätten mitspielen können.

Auf einem Wohltätigkeitsbasar im Marriott-Hotel am Republiksplatz, der früher Leninplatz hieß, wurde uns die Hochglanzwerbebroschüre für ein neu eröffnetes Schwimmbad in die Hand gedrückt. Ein Schwimmbad hatte zu unserem Glück noch gefehlt, denn gelegentliches Spinnenkicken reichte als sportlicher Ausgleich nicht aus. Wir riefen im Aquatek-Zentrum an, erklärten, dass wir das Schwimmbad gern kennenlernen und vorbeikommen würden und fragten, ob wir Handtücher vor Ort leihen könnten oder mitbringen sollten. Besser mitbringen, riet man uns – und so fuhren wir am Nachmittag im Taxi mit unseren Badesachen zum Aquatek-Zentrum. Dort empfing uns eine nette, Englisch sprechende junge Frau, die uns herumführte und der wir mit unseren geschulterten Sporttaschen folgten. Die Anlage war wirklich beeindruckend. Es gab zwei große Schwimmbecken, verschiedene Rutschen, eine Dampfsauna, einen Whirlpool und mehrere kleine Räume mit Liegen für Wellness-Behandlungen. Zum Komplex gehörten sogar ein paar doppelstöckige Hotelzimmer mit Blick auf die Schwimmbecken. Noch beeindruckender als die Anlage war der betriebene Personalaufwand. An der Kasse strahlte ein junges Damentrio um die Wette, neben den Wachmännern am Eingang durchstreiften mehrere Bademeister die Halle, hinter der Snack- und Eistheke unterhielten sich drei Angestellte und in den verschiedenen Behandlungsräumen wartete neben jeder Liege eine lächelnde Frau auf ihren Einsatz. Auch die Bademantel- und Handtuchausleihe war besetzt. Die Englisch sprechende Frau forderte mich auf, die Damenumkleidekabine zu betreten, doch ich winkte dankend ab. Kein Problem, sagte sie und dirigierte mich in den Raum. Tatsächlich fühlte sich niemand gestört, denn wir waren die einzigen Gäste. Den Grund dafür erfuhren wir ein paar Minuten später, als wir nach unserem Rundgang die Anlage testen und eine Eintrittskarte kaufen wollten. Das Schwimmbad habe noch gar nicht eröffnet, erklärte uns die Frau lächelnd. Schlagartig wurde uns bewusst, warum man an diesem Tag im Aquatek keine Handtücher ausleihen konnte, unbeantwortet aber blieb unsere Frage, warum alle Mitarbeiter schon eine Woche vor der Eröffnung dienstbereit auf ihrem Posten standen.

Ratlos fuhren mit dem Taxi heim und kehrten zwei Tage nach der offiziellen Eröffnung in den Sportpark zurück. Diesmal waren wir auch offiziell die einzigen Gäste und schwammen so gut bewacht wie noch nie in unserem Leben. Wir hatten beide einen eigenen Bademeister, der am Beckenrand neben uns herlief und jede unserer Bewegungen wurde von zwanzig Augenpaaren beobachtet. Richtig entspannend war das nicht.

Foto: Eriwaner Straßenzene. Aus: Eriwan. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens. Kapitel 1.

Im September veranstaltete ich im Goethe-Institut Bratislava einen Abend mit Kathrin Passig und Michal Hvorecký, erstand in Wien den Miracleman-Apocrypha-Band und das lang gesuchte Reclamheft von Quirinus Kuhlmann, das ich, wie ich beim Einräumen in die Bibliothek feststellte, allerdings schon besaß. Auf dem Rückflug von Wien nach Eriwan musste ich einhundertzwanzig Euro für Übergepäck bezahlen, da ich mich mit Büchern und Lebensmitteln bevorratet hatte.

Starke Oktoberwinde brachten unsere Badezimmerdecke zum Beben und der erste Schnee verwandelte Eriwan Ende November in eine schöne weiße Stadt. Rechtzeitig vorher wurden unsere überirdischen, jeden Winter regelmäßig einfrierenden Wasserleitungen am Haus angeblich winterfest gemacht. Eigentlich sollten sie mit Heizstäben umwickelt werden, doch da es diese in Armenien gerade nicht zu kaufen gab, wurden die Rohre einfach in Glasfaserwolle eingehüllt und zusätzlich mit Metallrohren ummantelt. Das sollte bis minus 30 Grad isolieren, Verpacker-Garantie.

Wir erkundeten weiter Eriwan und fuhren im Kinderpark im Tal vor unserem Haus mit dem Pilzkarussell und einer echten, mit Dampf betriebenen Eisenbahn. Dabei fühlten wir uns wie Jim Knopf. Auf der Kirmes im Luna Park ließen wir uns von »Crazy Dance« durchrütteln, einem Fahrgerät, das wir in Polen liebgewonnen hatten, und dass viel aufregender war, als es aussah. Wir fanden den Apple-Store und den Goethe-Lesesaal in der Innenstadt und bestaunten die protzige, noch im Bau befindliche Northern Avenue mit ihren spitzen, an Potsdamer-Platz-Bauten angelehnten Häusern.

Foto: Northern Avenue. Aus: Eriwan. Kapitel 1. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Einen Flipper hatten wir in Eriwan leider noch nicht entdeckt. Dafür mieteten wir für zwei Stunden die Sauna im nahegelegenen Hotel Bass, deren Räume total kalt waren, und probierten ein wenig überzeugendes »Twix« mit dunkler Schokolade aus. Ich hatte meine Ernährung inzwischen auf »Master Buterbroda«-Schmelzkäsescheiben in der Geschmacksrichtung Mozzarella umgestellt, beklebte damit morgens und abends meine Brotscheiben und hatte trotzdem schon fünf Kilo abgenommen.

Die Müllabfuhr kam nach ein paar Wochen das erste Mal, wir verbrachten einen lustigen Abend mit Studenten der Technischen Universität Darmstadt und der erste Freund besuchte uns in Eriwan. Die Mottenplage war überstanden und inzwischen konnte ich Motten sogar mit dem Gummiband erlegen. Wir tauten unseren uralten Kühlschrank ab, probierten den Backofen aus und erlitten dabei fast eine Rauch- und Gasvergiftung. Ich versuchte weiter Russisch zu lernen und hatte mir zur Vertiefung ein russisches Micky-Maus-Heft und eine russische Playboy-Ausgabe gekauft. Im Historischen Museum am Republiksplatz schauten wir uns die Armenia-Sacra-Ausstellung aus dem Louvre an und kauften in der Innenstadt die ersten DVD-Raubkopien – »Bourne Ultimatum« mit englischer Tonspur und vier Konzertfilme von The Doors für jeweils zweitausend Dram, umgerechnet vier Euro fünfzig. Unser neuer Lieblingsfernsehsender neben Arte wurde World Fashion TV und wir begannen eine Fotoserie mit Röhren, die im Eriwaner Stadtbild allgegenwärtig waren.

Foto: Armenische Röhre (Aygedzor). Aus: Eriwan. Kapitel 1. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Ein kultureller Höhepunkt war der »Die Rose im armenischen Garten«-Abend im Tumanjan-Museum vor vollem Haus und in Anwesenheit der deutschen Botschafterin. Das Heidenröslein-Gedicht war aufgrund einer kongenialen Übersetzung Tumanjans eines der bekanntesten Gedichte Armeniens, viele wussten gar nicht, dass es nicht von Howhannes Tumanjan, sondern von Johann Wolfgang Goethe stammte. Auf Wunsch der armenischen Organisatoren trug ich an diesem Abend das deutsche Original vor, anschließend rezitierte Meri Turmanjans armenische Übersetzung. Zum Schluss wiederholten wir im Chor die letzten beiden Zeilen, Meri auf armenisch, ich auf deutsch. Röslein, Röslein, Röslein rot. Röslein auf der Heiden.

Dafür bekamen wir viel Applaus. Als ich mich setzte, prophezeite mir die deutsche Botschafterin prustend eine Karriere als Schauspieler, falls ich das Schreiben eines Tages an den Nagel hängen sollte. Es war mir ebenfalls schwer gefallen, während des Vortrags ernst zu bleiben, da direkt vor unserem Auftritt ein Knabe in Hemd, Anzughose und grünweißgelber Strickjacke eine Vertonung des Gedichts gegeigt und dazu eine Frau in einem gelben, frottee-artigen Kostüm ausdrucksgetanzt hatte.

Foto: Ausdruckstanz. Aus: Eriwan. Kapitel 1. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Nach unserem Auftritt hielt ein armenischer Greis mit der Inbrunst eines Selbstmordattentäters einen Stehgreifvortrag über die Symbolik der Rose im Allgemeinen und lieferte sich anschließend ein heftiges Streitgespräch mit dem Publikum. Nachdem sich die Wogen ein wenig geglättet hatten, kam es zur feierlichen Überreichung eines Buches aus dem Jahre 1897 als Spende für die Bibliothek des Museums. Für die Anwesenden wurde im Foyer ein Stehempfang ausgerichtet, bei dem ausschließlich Kognak gereicht wurde. Ein Bericht über die Veranstaltung mit Meris und meinem kompletten Gedichtvortrag lief am nächsten Tag im armenischen Fernsehen.

Auf Eriwans Straßen wurde ich wegen meines Fernsehauftritts zwar nicht angesprochen, dafür befragten mich vier blutjunge Studentinnen zu meinem Studium und meinem Beruf. Die Studentinnen hatten eine Woche zuvor auch die deutsche Botschafterin in ihrem Büro interviewt und dabei unter anderem gefragt, ob der Mann auf dem Foto an der Wand ihr Ehemann sei. Nein, der Mann auf dem Bild sei nicht ihr Gatte, erklärte die Botschafterin, sondern ihr Vorgesetzter und heiße Horst Köhler.

Foto: Aschtarak. Aus: Eriwan. Kapitel 1. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Ende November machten wir mit Bianca und dem Dekan der Brjussow-Universität einen Ausflug nach Aschtarak. Wir besichtigten mehrere alte und eine unglaublich winzige Kirche und besuchten danach die Mutter des Dekans in seinem Elternhaus. Es wurde üppig aufgetischt. Es gab Küfta, Leberkäs-artige Kugeln mit viel Butter, Hühnchen mit Reis und Möhren-, Gurken- und Tomatensalat. Außerdem Äpfel, Birnen, Pflaumen, Quitten, Datteln, Granatapfel und Honigwaben, dazu tranken wir Rotwein und reichlich Kognak. Der Dekan sprach über seinen Kriegseinsatz in Berg-Karabach. In dem Haus war es ausgesprochen kalt. Die Wände der Räume waren kahl, weil seine Eltern während der Krisenjahre ihre Möbel und Bücher verheizen mussten. Am Ende lud mich der Dekan zur Hasenjagd in den Bergen ein und zeigte uns im Nebenraum den großen Schrank mit den Wintervorräten Lawasch, dem armenischen Fladenbrot, dass sich darin bergeweise türmte. Zum Abschied schenkte uns seine Mutter Kräutertee und selbst angebaute Quitten.

Foto: Schrank mit Wintervorräten Lawasch. Aus: Eriwan. Kapitel 1. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Der Herbst war die heiße Zeit in Alexandras Büro, zeitweise warteten an die sechzig Bewerber gleichzeitig auf eine Stipendienberatung. Insbesondere die neu eingeführte Online-Registrierung und der Online-Sprachtest waren eine Herausforderung für die Bewerber und Berater. Über zweihundert Bewerbungen waren am Ende eingereicht worden, die allesamt gesichtet und bearbeitet werden mussten, bevor sie der Auswahlkommission vorgelegt wurden. Das Abschlussabendessen mit den Kommissionsmitgliedern uferte zu meinem schlimmsten Besäufnis aus. Gemeinsam killten ein armenischer Germanistikprofessor, der deutsche Kurzzeitdozent und ich zwei große Flaschen Wodka. Als Strafe verbrachte ich danach eine schreckliche Nacht auf unserem unbeheizten und unbeleuchteten Klo.

Den Grund für den nächtlichen Stromausfall erfuhren wir am nächsten Morgen durch einen Anruf bei unserem Stromversorger. Man hatte uns den Strom abgestellt, da unsere letzte Rechnung angeblich nicht bezahlt worden sei und noch dreitausend Dram, also etwa zwölf Euro ausstünden. Für Alexandra bedeutete dies, eine Stunde lang in der eiskalten Wohnung unserer zweiundachtzigjährigen, halbtauben Vermieterin Sirousch auszuharren und zuzuhören, wie sie die Mitarbeiter des Elektrizitätswerkes am Telefon anbrüllte. Mit Erfolg, denn eine Stunde später funktionierte der Strom wieder.

Anfang Dezember war für Alexandra die Zeit gekommen, dem zuständigen Goethe-Institut in Georgiens Hauptstadt Tbilissi einen Antrittsbesuch abzustatten und ihre Kollegen aus Aserbaidschan und aus Georgien kennenzulernen. Ich begleitete sie. Für die Fahrt mussten wir ein geeignetes Transportmittel auswählen und fragten deutsche und armenische Bekannte um Rat. Einige Deutsche rieten vom langsamen, dreckigen und angeblich kakerlakenverseuchten Zug ab, die anderen Deutschen warnten uns eindringlich vor der Fahrt mit der Marschrutka, weil die Fahrer viel zu schnell fuhren, die Busse überfüllt seien, ständig anhielten, und im Winter die Fahrt durch die Berge lebensgefährlich sei. Die Armenier wiederum neigten zu recht elastischen Aussagen. »Wie ist das Wetter hier im März?«, fragten wir etwa einen armenischen Bekannten. »Schön«, antwortete er. »Ist es dann auch warm und sonnig?«, fragten wir weiter. »Ja«, sagte er. »Warm und sonnig.« »Aber in diesem Jahr hat es doch noch im April geschneit«, meinten wir. »Ja«, antwortete er. »Im April.«

Foto: Hauptbahnhof Eriwan. Aus: Eriwan. Kapitel 1. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Wir entschieden uns schließlich für eine Zugreise im Schlafwagen in einem Zweier-Abteil in der höchsten Wagenklasse. Dafür bezahlten wir umgerechnet elf Euro inklusive Bettwäsche. Die Fahrscheine waren phantasievoll ausgeschnittene Papierstreifen, auf denen die Passnummern der Passagiere notiert wurden. Das war auch das einzige, was wir auf dem Papier lesen konnten. Obwohl angeblich in kyrillischer Schrift geschrieben, konnten wir weder den Preis, noch die Wagenklasse oder den Zielort entziffern. Ein Anruf bei der Bahnauskunft ergab, dass man die Wagenklasse dem Preis entnehmen könne, den man beim Bezahlen erfahren habe. Der Zielort? Was für eine Frage! Es gebe doch nur diese eine Verbindung.

Einhundertvierundsiebzig Kilometer Luftlinie trennten Eriwan und Tbilissi, die Strecke mit dem Auto betrug dreihundertvierzig Kilometer. Am Freitag nach Nikolaus machten wir uns auf die Reise. Unsere Fahrt mit dem Zug dauerte insgesamt sechzehn Stunden, von neunzehn Uhr abends bis elf Uhr mittags. Der Zug durchquerte zunächst halb Armenien, um dann ab fünf Uhr morgens vier Stunden lang an der Grenze stillzustehen. Mit ausgeschalteter Heizung und ohne Strom, zum Glück hatten wir unsere Kopflampen dabei. Trotzdem war die Fahrt im überheizten Zug recht angenehm. Wir wurden mächtig durchgeschüttelt, konnten dennoch die meiste Zeit über schlafen und unsere Proviantberge kaum reduzieren. Obwohl wir uns ausdrücklich in einem Nichtraucherzug befanden, verteilte ein Drache von Zugbegleiterin zu Beginn der Reise in allen Abteilen Aschenbecher. Ohne Worte drückte sie uns zudem Decken und Kissen in die Hand, rieb die Finger mit dem Daumen und bestand auf unverzügliche Bezahlung.

Unser Hotel befand sich in der Nähe des Goethe-Instituts. Es war ein schönes, einfaches Zimmer mit zwei dunklen, kleinen Nonnenbettchen, die bei jeder Bewegung knarzten. Nachdem wir unser Gepäck ausgepackt hatten, erkundeten wir sogleich Tbilissi und spazierten fröhlich durch die wunderschöne Stadt. In Eriwan hätten wir zur selben Zeit mit deutschen Botschaftsangehörigen »Die Feuerzangenbowle« schauen können, stattdessen besichtigten wir die monumentale Dreifaltigkeitskirche, die angeblich auf einem armenischen Friedhof errichtet wurde, tranken einen famosen Milchkaffee in dem englischsprachigen Büchercafé »Prospero’s Books« und bestaunten den noch im Bau befindlichen Präsidentenpalast mit einem seltsam eiförmigen Nachbau der Berliner Reichstagskuppel.

Foto: Straßenszene Tbilissi. Aus: Eriwan. Kapitel 1. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Am Samstag sahen wir im Rahmen des achten Internationalen Filmfestivals von Tbilissi den schönen deutschen Spielfilm »Pingpong« und aßen anschließend im »New Asia« in der Gribojedow-Straße in einem der besten China-Restaurants, in dem wir jemals waren. Spät in der Nacht fiel mir dann nach Jahrzehnten ein, wie ich Jim Morrisons Zeilen »I am the Lizard King/I can do anything« aus dem Gedichtzyklus »The Celebration of the Lizard« übersetzen konnte: Ich bin der König der Echsen/Ich kann hexen.

Gemeinsam mit Alexandras Kollegen unternahmen wir am zweiten Adventssonntag einen Ausflug in Georgiens mittelalterliche Hauptstadt Mzcheta. Wir besuchten ein Bergkloster mit einem atemberaubenden Panoramablick über die Gebirgsketten des Großen Kaukasus und die Stadt mit ihren beiden Flüssen. Anschließend fuhren wir in die Stadt und besichtigten die prachtvolle Hauptkirche. Eine Legende besage, erzählte Alexandras Kollege aus Georgien, dass dem Architekten nach der Vollendung der Kathedrale der Arm abgeschlagen wurde, damit er in Zukunft nirgendwo anders eine ebenso schöne Kirche errichten könne. Im Kirchhof waren viele Menschen zusammengekommen und Brot, Wein und Obst wurde ausgeteilt. Feierlich wurde ein Ikone aus dem Kloster getragen und verabschiedet, die anschließend durch Georgien reisen und an verschiedenen Orten präsentiert werden sollte.

Foto: Mzcheta. Aus: Eriwan. Kapitel 1. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Auf der Rückfahrt nach Tbilissi hielten wir an einem beliebten georgischen Ausflugsrestaurant und machten Rast. Wir aßen Bohnensuppe, Maisbrot und Khinkali, große mit Fleisch gefüllte Teigtaschen, die wie riesige Pelmeni aussehen. Während wir aßen, hielt vor dem Restaurant ein großer Autokonvoi und aus den Fahrzeugen stieg Micheil Saakaschwili mit seinem Gefolge, der soeben zurückgetretene georgische Ministerpräsident und neue Ministerpräsidentschaftskandidat. Unser georgischer Fahrer sagte, dass er vor einigen Wochen noch auf der Straße gegen ihn protestiert hatte und Saakaschwili nicht an unseren Tisch bitten würde.

Wir sprachen über die Reformen in Georgien, erfuhren von merkwürdigen Todesfällen im Umfeld des Präsidenten, von spektakulären Korruptionsfestnahmen und späteren Freikäufen. Am Ende des Essens entschieden wir uns, mit dem georgischen Fahrer und seinem Auto nach Eriwan zurückzureisen, Alexandras Kollege aus Aserbaidschan dagegen meinte, dass es wahrscheinlich billiger wäre, eine Cessna zu mieten und nach Eriwan zurückzufliegen. Der Kollege wusste auch zu berichten, dass man mit dem Flugzeug von Teheran aus für umgerechnet vierhundert Euro auf die Malediven und zurück fliegen könne.

Den letzten Abend in Tbilissi verbrachten wir bei Alexandras Kollegen aus Georgien, seiner Frau und seinen beiden Töchtern. Ich fand in ihm einen Seelenverwandten, da seine beeindruckende Bibliothek ebenso wie meine nach den Geburtsjahren der Autoren sortiert war. All das konnte kein Zufall sein. Erst begegnete Alexandra in Eriwan bei einem Botschaftsempfang einem Wissenschaftler, der wie sie das Werk von Kurt Hiller erforschte, und jetzt traf ich in Georgien einen seelenverwandten Büchersortierer und ebenso leidenschaftlichen Partyraucher. Der Aufenthalt in Tbilissi hatte uns begeistert. Die Stadt wirkte weltoffen und europäisch auf uns. Man sah Liebespaare auf der Straße und im Vergleich erschien uns Eriwan provinzieller. Anders als in Eriwan wurden wir auf der Straße allerdings häufig von Bettlern angesprochen, außerdem von einer Wahrsagerin und Kartenleserin. Auch die Kriminalitätsrate sollte in Georgien deutlich höher als in Armenien liegen. Das hieß nicht, dass es in Armenien keine Armut und kein Elend gab, doch sie wurden eher versteckt, im Gegensatz zum Reichtum, der sehr offensiv zur Schau getragen wurde.

Foto: Dreifaltigkeitskirche in Tbilissi. Aus: Eriwan. Kapitel 1. Aufzeichnungen aus Armenien von Marc Degens.

Am Dienstagmorgen fuhren wir im Opel Vectra zurück nach Eriwan. Wir kamen an einem georgischen Gefängnis vorbei, in dem pro Zelle angeblich sechzig Menschen festgehalten werden sollten. An der Grenze hatten wir vierzig Minuten Aufenthalt und die armenischen Beamten verlangten von unserem Fahrer zwanzig Lari Schmiergeld, umgerecht etwa zehn Euro. Er zahlte die Hälfte und erzählte uns, dass nach den neuen Gesetzen georgische Beamte dafür mit sieben Jahren Haft bestraft werden könnten.

Wir fuhren an schneebedeckten Bergen vorbei, in Armenien war es deutlich kälter als in Georgien. Der Fahrer erzählte, dass der Zug von Tbilissi nach Eriwan früher sogar zwei Tage gebraucht habe, weil ständig der Strom ausgefallen sei. In den neunziger Jahren hätte man die georgischen Züge auch mit Winken auf der Strecke anhalten und einfach dazusteigen können. Er selber sei einmal mit dem Zug von Tbilissi nach Batumi unterwegs gewesen, dabei sei der Zug an einer Hochzeitsgesellschaft vorbeigekommen, die neben den Gleisen feierte. Der Zug hielt an, sämtliche Insassen wurden zum Mitfeiern eingeladen und erst nach dreistündiger Unterbrechung setzte der Zug seine Fahrt fort.

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