Lese

Mobilität

»Natürlich ist die Lebensform eines Autors nicht entscheidend für die Art seines Werkes (es gibt ja genügend Gegenbeispiele der Seßhaftigkeit, etwa Doctorow), und doch kann man fragen, ob nicht die reale Mobilität eine geistige miterzeugt: Die Fähigkeit, sich in Fremdes hineinzuversetzen (weil es eine für die Selbsterhaltung notwendige Tugend ist oder werden kann), fremde Stimmen nachzuahmen und ihnen Sprache zu verleihen, schließlich, sich schreibend eine heimatliche Topographie zu verschaffen, deren man realiter verlustig gegangen ist.« (Michael Chabon, zitiert nach Ulrich Greiner, Gelobtes Land)


Verhindern

»Ich habe keinen Zwang, etwas zu schreiben. Im Gegenteil, wenn ich etwas schreiben muss, denke ich mir: wieso habe ich das nicht verhindern können?« (Hans Wollschläger)


Blind

»Ein Mensch ohne Bücher ist blind.« (Wolfgang Koeppen)


Lieber

»Ich kenne keinen Schriftsteller, der nicht lieber Lyriker wäre.« (Martin Walser)


Herder

»Als 1912 Bernhard Suphan ohne Dank und Anerkennung vom Großherzog die Verabschiedung in den Ruhestand erhielt, stapelte er in seinem Weimarer Arbeitszimmer die bis dahin erschienenen 32 Bände der ersten [von ihm herausgegebenen] kritischen Gesamtausgabe Johann Gottfried Herders vor dem Fenster, stieg hinauf und sprang durch das geöffnete Fenster in den Tod.« (Siegfried Hartmut Sunnus, Herder Lesebuch)


Einfachheit

»Ich glaube, jeder halbwegs reife Künstler strebt der Einfachheit zu. Alles, was ist, so einfach auszudrücken wie möglich, bleibt das Schwierigste.« (Helmut Krausser, Deutschlandreisen)


Absaugen

»In der Bundesrepublik gibt es einen bedeutenden Arbeitsmarkt für Schriftsteller, der sie von der literaturproduzierenden Ebene absaugt und sie bei ökonomischer Absicherung auf der literaturvermittelnden etabliert.« (Robert Menasse, Überbau und Underground)


Urteilsfreude

»›Literat‹ war eines der schärfsten Urteile, die Max Weber über Personen fällen konnte, die sich urteilsfreudig in öffentliche Angelegenheiten mischten, ohne sich im Einzelnen über die Gegenstände ihrer Urteile sachkundig gemacht zu haben.« (Jürgen Kaube, Max Weber)


Rezensionen

»Ich glaube, viele Talente haben nach dem ersten Buch nichts mehr zustande gebracht, weil sie durch die Vielzahl der Rezensentenmeinungen verunsichert wurden. […] Ich kann inzwischen zu jedem Roman, ja zu jeder veröffentlichten Erzählung, mindestens zwei Rezensionen vorweisen, die davon entweder als von einem Geniestreich oder einem Scheißdreck sprechen. Ist dieser Punkt erreicht, relativiert sich alles so weit, daß es wirkungslos bleibt.« (Helmut Krausser, Juni)


Agamemnon

»Sie behandeln mich, als wäre ich Agamemnon.« (Robert Schindel, Kassandra)


Umrunden (Erste Sätze)

»Mein Entschluß, mit einem Fahrrad unseren geliebten, alten Erdball zu umrunden, kam sehr plötzlich.« (Heinz Helfgen, Ich radle um die Welt)


Vollendete Vergangenheit

»›Gehabt hatte‹ sieht wie ein trauriges Ehepaar aus.« (Detlef Kuhlbrodt, Umsonst und draußen)


Scherbeln

»›Kommen Sie, Frau Karola‹, flüsterte die Freo, ›wir drehen uns im Nebenzimmer das Grammophon an und scherbeln ein bisschen. Die Unterhaltung wird mir hier zu seriös.‹« (Franz Hessel, Heimliches Berlin)


Umriß

»Man erhebt den Anspruch, ein ernstzunehmender Schriftsteller zu sein, ein Künstler eben (und nicht einer aus dem Haufen) … Und dabei ist man in den Augen des Steuerinspektors und hämischen Nachbarns, in den Augen des Zeitungsredakteurs, des Beamten, des Funktionärs nichts weiter als ein armes Würstchen – demoralisierend. Man kann gar nicht recht in den eigenen Umriß steigen.« (Paul Nizon, Die Erstausgaben der Gefühle)


Gladiator

»Vor vier Jahren beauftragte der Schauspieler Russell Crowe den Songwriter [Nick Cave] damit, ein Drehbuch für eine Fortsetzung von ›Gladiator‹ zu schreiben. In der von Cave verfassten Story wird der verstorbene Maximus auf die Erde zurückgesandt, um einen Mann zu töten. Und dieser Mann ist niemand Geringeres als Jesus Christus. Das Drehbuch wurde abgelehnt.« (Coolibri, 11/2013)

Link: Gladiator 2 by Nick Cave


Ehrlichkeit

»Die ›Ehrlichkeit im Gebrauch von Worten‹ – dahinter verbirgt sich Yates‘ komplette ästhetische Anschauung, sein Bestreben, nach der passenden, unprätentiösen Form und, im Sinne Flauberts, nach dem passenden, unprätentiösen Wort zu suchen. Das gibt seinem Stil eine unverwechselbare, sich nicht in auftrumpfenden Metaphern gefallende Note und bezeugt die ›honesty‹ des Schriftstellers Yates.« (Rainer Moritz, Der fatale Glaube an das Glück)


Kunstkommunikation

»Daß Kunst anderen als Kunst auffallen muß, ist die conditio sine qua non der Kunstkommunikation […]. Eine Arbeit, die nur der Urheber selber kennt, über die er schweigt, auf die er nicht anspielt, wäre für den Soziologen keine Kunst, denn sie setzt keine Kommunikation in Gang.« (Niels Werber)


Fremder

»Was ich immer erzählen muss, immer sagen muss: dass ich keine Heimat habe, dass ich ein Fremder bin, und das meine ich nicht pathetisch, sondern als gute Sache. Weil ein Schriftsteller, nach meinem Geschmack, muss ein Fremder sein.« (George Tabori)


Türen

»›Wenn du eine Geschichte schreibst, dann erzählst du sie dir selber‹, erklärte er. ›Wenn du sie überarbeitest, musst du hauptsächlich alles herausstreichen, was nicht zur Geschichte gehört.‹ Gould sagte noch etwas Interessantes, als ich die ersten beiden Artikel bei ihm abgab: ›Schreibe bei geschlossener Tür, überarbeite bei offener Tür.‹« (Stephen King, Das Leben und das Schreiben)


Wechseln

»– Warum bist du von Rowohlt weg?
– Du mußt wie beim Profifußball den Verein wechseln, weil du sonst bei dem Verlag, wo du angefangen hast, immer als Debütant behandelt wirst.«
(Hubert Fichte, Die zweite Schuld, im Gespräch mit Hermann Peter Piwitt)


Wälzer

»Trotz alledem ist meine Belesenheit gering, zumal wenn ich sie mit der von Schriftstellerkollegen vergleiche […]. Allerdings muß ich immer über die Wälzer lachen, mit denen sie in der Regel ankommen (was für ein Gewuchte! aber sie sind stark!) – Wälzer, deren Umfang in keiner Relation zu den durchsichtigen, hauchdünnen Büchern stehen, die sie selbst produzieren. Und dann fallen Worte wie ›Einfluß‹.« (A.F.Th. van der Heijden, Engelsdreck)


Gehenlassen

»Am liebsten würde ich ja, wenn ich nicht schreiben müsste, dauernd herumfahren und überhaupt nichts tun. Das wäre meine einzige Vorliebe. Mich gehenlassen, dazu aber ist die Welt nicht gut genug.« (Thomas Bernhard, Brief an Siegfried Unseld)


Partizip Präsens

»Als ein Teilnehmer Herta Müllers Atemschaukel erwähnt, erzählt Goetz, zwar habe er das Buch nicht gelesen, aber während der Vorbereitung zu seiner Werkstatt habe er sich von Mitarbeitern des Szondi-Instituts erzählen lassen, wie es in Herta Müllers Werkstatt zuging, als sie 2005 Heiner-Müller-Gastprofessorin war. Dabei erfuhr er, dass Herta Müller das Partizip Präsens zutiefst verabscheut. ›Das fand ich einen guten Hinweis. Deswegen habe ich in meinem neuen Buch noch einige Präsenspartizipien entfernt.‹« (Jan Kedves, ›Auch aus dieser Welt einen Flash‹)


Erzählen

»Man muß einfach Geschichten erfinden, Dinge erzählen, die sich in Tatsachen ausdrücken lassen, heute dies, morgen jenes, sich damit Zeit lassen. Ganz ähnlich wie wenn man einen Unterhaltungsroman schriebe. Dann das andere hineinarbeiten.« (Robert Musil, Aus den Tagebüchern)


Wunderschön

»Was meinen Sie mit ›zu literarisch‹? Was streichen Sie, bestimmte Arten von Wörtern?
Adjektive, Adverbien und überhaupt jedes Wort, das nur dasteht, um Eindruck zu machen. Jeden Satz, der nur um seiner selbst willen dasteht. Wenn Ihnen ein Satz wunderschön vorkommt – lassen Sie ihn weg!« (Georges Simenon im Gespräch mit Carvel Collins)


Mühelos

»Umgekehrt ist der ungeübte Leser daran zu erkennen, daß er es nicht zu würdigen weiß, wenn ein Text mühelos zu lesen ist, sondern sich enttäuscht fühlt, wenn er die Arbeit des Schreibers nicht erkennen kann. […] Darum liebt der ungeübte Leser Thomas Mann so sehr, denn bei dem sieht man immer, daß es viel Arbeit ist, einen Roman zu schreiben. Noch dazu so einen dicken!« (Iris Hanika, Schöne Sätze, guter Stil)


Stahlbad

»All diese Qualitäten aber machten ihn [David Foster Wallace] zu einem Fremdling in einer literarischen Landschaft, die ihr Leitmedium, den Roman, so weit an die Fernsehserien, den Film, die Klatschkolumnen, den Lifestyle, kurz: das fun-Stahlbad angenähert hat, dass es nicht übertrieben ist, diese Gattung, wie Heinz Schlaffer 2002 in einem vieldiskutierten Aufsatz, als ›das letzte Stadium der Literatur‹ zu bezeichnen. Die zeitgenössischen Romane haben, wie Schlaffer schrieb, ›das Publikum daran gewöhnt, ebenso gut auch ohne Dichtung auszukommen‹. Die meisten (ein gutes Beispiel ist der neue Tom Wolfe) sind geschriebene Filme oder TV-Serien.« (Stephan Wackwitz, In der Wüste der Mikrostruktur)


Pornographie

»Girodias gründete als nächstes The Olympia Press, die sich der Herstellung knallharter wie auch gemäßigter Pornographie widmete. […] Schriftsteller aller Art, gute und schlechte, wurden zur Arbeit herangeholt, um Bücher nach Maß zu produzieren. Er dachte sich zum Beispiel einen Titel aus (etwa ›Mit offenem Mund‹) und machte damit Reklame; fand er genügend Widerhall, beauftragte er irgend jemanden, ein Buch zu schreiben, das zu dem Titel paßte.« (Gore Vidal, Über Pornographie)


Lernende

»Ich glaube, daß Künstler, die ihren Höhepunkt noch vor sich haben, die Welt immer als Lernende erleben, wie groß und anerkannt groß sie auch sind.« (Helmut Krausser, Januar)


Sinnversessenheit

»Einen Germanisten sollten am Ende ja nicht allein Kenntnisse und ein paar Fertigkeiten auszeichnen, sondern ein bestimmter Habitus, eine Mischung aus Neugier, Pedanterie, Hingabe ans Unbedeutende, Leidenschaft für Form und skeptischer, historisch informierter Sinnversessenheit.« (Jens Bisky, Die Sehnsucht nach Orchideen)


Dichter-Leser

»Bücher werden aus Büchern geschrieben, unsere Dichter werden meistenteils Dichter durch Dichter-Lesen« (Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbuch)


Schriftsteller

»Ein Schriftsteller ist ein Mann, der sich das Schreiben schwer macht.« (Siegfried Unseld, Zusatz zum Reisebericht Salzburg 5./6. April 1980)


Bibliothek

»Die Heimat des wahren Schriftstellers ist seine Bibliothek, die aus Regalen oder aus seinem Gedächtnis besteht.« (Roberto Bolaño, Literatur und Exil)


Schreiben

»Denn ›schreiben‹ heißt lesen, recherchieren, an die Wand starren, telefonieren, Farbfilme aus den fünfziger Jahren sehen oder noch unentdeckte italienische Neorealisten, ins Kaffeehaus gehen, Leute beobachten und auf jeden Fall ganz, ganz viel nachdenken.« (Joachim Lottmann, Urlaub, das ist die pure Diktatur)


Lesen

»Ich, das ist für Goetz eine höchst irritable Entität, die ein feines Sensorium benötigt. Er spricht von der individuellen Musikalität der Sprache, von der ›eigenen Innenmelodie‹, die sich bei jedem anders anhöre. Und er sagt: ›Die Arbeit des Schreibens ist dazu da, alles, was im Ich ist, zu widerlegen.‹ Nur wer viel lese und sich vom Gelesenen wieder freimache, könne Schreiben lernen: ›Lesen ist das Wichtigste. Lesen ist Ich-Auflösung, Ich-Aufgabe.‹« (Jan Kedves, ›Auch aus dieser Welt einen Flash‹)


Bildschirm

»Thomas Mann rechnete es unter seine Pflichten, zeitweise den Schreibtisch, woran er wohnte, zu verlassen und sich seinen Lesern darzubieten und Abbildungen von sich zu erdulden. Arno Schmidt wieder verweigerte der Öffentlichkeit diesen Dienst, hatte somit auch keine. Er hatte die Wahl zwischen der Medienwelt und der Lüneburger Heide, und er traf sie. Es gibt in dem Punkt keinen Anlaß zu sittlichen Erörterungen. Freilich, was soll denn ein Romancier auf einem Bildschirm?« (Peter Hacks, Die freudlose Wissenschaft)


Einzelkinder

»Aufgrund der Lektüre von literarischen Biographien scheint mir, daß Romanautoren in jungen Jahren sehr häufig ziemlich einsam und isoliert waren – entweder weil sie Einzelkinder waren oder weil sie durch eine Krankheit eingeschränkt wurden, so daß sie auf die Ressourcen von Phantasie und Imagination zurückgeworfen wurden, die das private Lesen bietet. Sie sind eher introspektiv und depressiv; sie beobachten lieber, als daß sie teilnehmen; sie sind im Freudschen Sinne anal-hortende Charaktere; sie horten Informationen, sind eifersüchtig besitzergreifend gegenüber ihrem Werk, und oft widerstrebt es ihnen auf perverse Weise, ihr Werk zu Ende zu bringen und loszulassen.« (David Lodge, Das Handwerk des Schreibens)


Bernhard

»Dallapiccolas Bonmot, Vivaldi habe nicht 344 Solokonzerte geschrieben, vielmehr ein einziges Konzert 344mal komponiert, läßt sich auch auf Thomas Bernhard beziehen.« (Marcel Reich-Ranicki)


Leben

»Eigentlich seit ich angefangen habe zu denken, wollte ich immer Literatur machen. Oder besser: nicht Literatur machen, sondern als Schriftsteller leben.« (Peter Handke, im Gespräch mit Heinz Ludwig Arnold)


Reden

»Ich denke wie ein Genie, ich schreibe wie ein Schriftsteller von Rang, und ich rede wie ein kleines Kind.« (Vladimir Nabokov, Deutliche Worte)


Asozial

»Und dann sagt er etwas, dass mich an meiner eigenen Eignung als Schriftstellerin zweifeln lässt: ›Wenn man nicht ein von Grund auf asozialer Mensch ist, ist es schlecht mit dem Schreiben.‹ Laut Goetz sollte man Freude am Alleinsein haben, nicht mit Menschen zusammen sein müssen, seine Ruhe haben wollen.« (Insa Kohler, Geschichten aus dem ›Ich-Kabuff‹)


Trottelfiguren

»In der Kunstproduktion dagegen fällen Leute, die einen nicht kennen und die man selber auch nicht kennt, plötzlich Urteile in der Zeitung. Eigentlich über das Buch, aber weil Literaturkritik sich mit Werkkritik immer weniger aufhält, rutscht das dann immer gleich ins Persönliche. Da steht dann zum Beispiel, dass man ein typischer Vertreter seiner Generation ist, oder ein Slacker, oder Hegelianer. Alles Dinge, von denen man selbst noch gar nichts wusste. Oder die Trottelfiguren, die man als Erzähler auffährt, seien unverhohlene Selbstporträts.« (Wolfgang Herrndorf in: Rasmus Engler/Jörn Morisse, Wovon lebst du eigentlich?)


Mangelerscheinung

»Die meisten Autoren haben soziale Defizite, sonst würden sie ja nicht schreiben. Schreiben ist doch eine Mangelerscheinung. Deswegen sind mir auch Autoren suspekt, die es zu gut beherrschen, sich selbst zu verkaufen.« (Jochen Schmidt, BELLA triste 28)