Road to Twin Peaks 4

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Mittwoch, 23. Mai, Fall City, Snoqualmie

Um kurz vor acht wachgeworden. Kaffee und Mails. Ich generiere eine Datenschutzerklärung für meine Internetseite und baue sie ein, danach duschen und rasieren. Um Viertel vor zehn Frühstück im The Raging River Café, zwei Minuten vom Roadhouse Inn. Um kurz nach elf Auschecken und Fahrt zum Picknick-Spot, an dem Laura und Donna das Video mit James gedreht haben. Ich mache ein paar Fotos und poste sie auf Instagram.

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Picnic #roadtotwinpeaks 7 km to go

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Dann wieder nach North Bend. Wir essen ein Eis bei Dairy Freeze und ich fotografiere das Twin-Peaks-Gefängnis und die Rückwand von Twede’s Café mit dem Ortsschild-Gemälde. Anschließend zur Reinig’s Bridge, die Eisenbahnbrücke, über die die blutverschmierte Ronette Polaski nach ihrer Flucht lief. Hinterher zur DirtFish Rally School, einem Motorsportgelände, auf dem sich das Sägewerk und das Sheriff’s Department aus Twin Peaks befinden. Wir sind erstaunt, wie dicht beieinander die verschiedenen Drehorte liegen. Im Internet hatten wir gelesen, dass die neuen Besitzer des Geländes Twin-Peaks-Besucher nicht mögen, doch wir werden ausgesprochen freundlich empfangen und dürfen nicht nur außen Fotos machen, sondern auch innen – von Lucys Arbeitsplatz und dem Besprechungsraum mit dem Tisch voller Donuts.

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SHERIFF‘S DEPARTMENT #roadtotwinpeaks 4 km to go

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Begeistert fahren wir weiter zum Salish Lodge & Spa Snoqualmie, dem Hotel neben dem märchenhaften Wasserfall, der Außenkulisse des Great Northern. Dort komme ich zum ersten Mal in den »Genuss« eines Valley-Parkings, bei dem unser Auto von einem Hotelangestellten weggefahren wird, was sich für mich extrem seltsam anfühlt. Um Viertel vor vier beziehen wir unser Zimmer direkt über den Fällen. Im Preis inbegriffen ist eine Kaffeepackung der Marke TWIN PEAKS BLEND. Dark, Rich, Mysterious. The „BEANS“ may not be what they seem… Spaziergang zu den Fällen, anschließend auspacken, Blog und Tagebuchnotizen. Die Menü-Karte der Salish Lodge bietet sogar Mahlzeiten für Hunde an.

Donnerstag, 24. Mai, Snoqualmie, Vancouver (British Columbia)

Um zwölf Uhr auschecken. Beim Rundgang über das Hotelgelände entdecken wir auf einem abgelegenen Parkplatz unser Auto, in dem am Innenspiegel eine interne Notiz des Hotels befestigt ist: Dirty. Tatsächlich haben wir den dreckigsten Wagen weit und breit. Hinterher anstrengende Autofahrt nach Vancouver. Viele Autofahrer in British Columbia fahren wesentlich aggressiver und riskanter als im Rest von Kanada. Hungrig erreichen wir The Black Lodge, eines von zwei Twin Peaks inspirierten Themenrestaurants in Vancouver. Der Laden ist ziemlich heruntergewirtschaftet und das Essen erbärmlich. Weiter zum Hotel. Um Viertel nach neun haben wir endlich unser Gepäck und alle Koffer ins Zimmer im fünfzehnten Stock geschafft. Umwerfender Ausblick vom Balkon. Unter uns in der Bucht ankern ganz viele Schiffe.

Freitag, 25. Mai, Vancouver

Um kurz vor acht wachgeworden. Kaffee und Computerkram mit Blick aus dem Hotelzimmer auf die Wolkenkratzer und die riesigen Berge dahinter. In einem Zeitungsartikel hatten wir gelesen, dass Vancouver die zweitteuerste Stadt der Welt nach Hongkong sei. Das kanadisches Investorenprogramm vergab eine Zeit lang die Wohnrechte samt Staatsbürgerschaft an wohlhabende Immigranten, die in die Stadt und damit auch in Immobilien investierten, allein dreißigtausend chinesische Millionäre hätten sich daraufhin in Vancouver niedergelassen und es gab eine lange Warteliste mit weiteren achtzigtausend chinesischen Millionären. Spaziergang zum Strand und Sushi zum Mittagessen. Danach in die Innenstadt bis nach Gastown. Die Zahl der Verrückten und Durchgedrehten in der Stadt ist enorm. Um halb vier wieder im Zimmer, müde und erschöpft.

 Samstag, 26. Mai, Vancouver, Philadelphia (Pennsylvania)

Um sechs Uhr dreißig Wecker. Um kurz vor neun verlassen wir das Hotel und geben nach dem letzten Tanken den Mietwagen am Flughafen ab. Insgesamt sind wir sechstausendeinhundertachtundneunzig Kilometer gefahren, im Schnitt zweihundertdreizehn Kilometer pro Tag. Die Gepäckaufgabe geht ebenso schnell wie die Passkontrolle. Schon um kurz vor elf haben wir bei Burger King gegessen und uns bei Tim Hortons mit Proviant für die Flüge versorgt. Um elf Uhr fünfundzwanzig Wechsel in die Flughafenbar und Platzierung an einem Tisch mit Blick auf einen Bildschirm, der das Champions-League-Finale zwischen Liverpool und Real Madrid überträgt. Die Reds spielen super – bis zur Auswechslung von Mo Salah in der fünfundzwanzigsten Minute nach einem Zweikampf mit Sergio Ramos. In der Halbzeitpause beginnt das Boarding. Kurz nachdem ich im Flugzeug Platz genommen habe, fällt das eins zu null und wenige Minuten später tatsächlich der Ausgleich. Um auch in der Luft weiterlesen zu können, kaufe ich für sieben Dollar eine Stunde Internet. Nach dem ich es aktiviert habe, steht es zwei zu eins für Madrid und kurz danach drei zu eins. Das Spiel ist verloren. Tagebuch und Zeit totschlagen. Nach knapp drei Stunden Landung in Minneapolis. Abhängen im Flughafen, nach knapp zwei Stunden Weiterflug nach Philadelphia. Nach zweieinhalbstündigem Flug Landung. Die Zeitverschiebung beträgt drei Stunden. Wir holen unser Gepäck ab und schieben unsere Koffer ins Flughafenhotel. Um Mitternacht im Zimmer.

Sonntag, 27. Mai, Philadelphia 

Um acht Uhr Wecker. Ultramüde. Kaffee und langes Frühstück im Marriott-Restaurant. Um zwölf Uhr Auschecken und mit einem Taxi nach Downtown ins Loews Philadelphia Hotel. In der Lobby warten wir, bis unser Zimmer bezugsfertig ist. David Lynch sagt, dass er als Kunststudent in Philadelphia alle seine späteren Phobien entwickelt habe: »Philadelphia, more than any filmmaker, influenced me. It’s the sickest, most corrupt, decaying, fear-ridden city imaginable. I was very poor and living in bad areas. I felt like I was constantly in danger. But it was so fantastic at the same time.« Im Hotel ist viel los. Ein Angestellter erzählt uns, dass an diesem Tag allein fünfzehn Hochzeiten im Hotel stattfinden.

Montag, 28. Mai, Philadelphia

Um zwölf Uhr schöner Hangout mit Frank und Torsten, danach treffe ich Alexandra und wir essen Pho in Chinatown. Hinterher Versuch eines Mittagsschlafs, was wegen der lärmenden Reinigungskräfte quasi unmöglich ist. Die Türen im Flur knallen im Minutentakt und bei jedem Knallen bleibt mir fast das Herz stehen. Kaffee und Schreibtisch. Um kurz nach sechs Spaziergang mit Alexandra zum Delaware River. Wir essen zum ersten Mal Thai rolled ice cream und verbringen den Abend mit flippern und Ms. Pac-Man im Dirty Franks, »a local watering hole dating back to prohibition.«

Dienstag, 29. Mai, Philadelphia

Um sieben Uhr Wecker. Frühstück im Zimmer mit Kaffee und Brezel. Schreibtisch, E-Mails und Arbeit an der Hotlist-Bewerbung. Um halb zwei verlasse ich das Hotelzimmer und spaziere Richtung Süden. Ich esse Sushi in einem günstigen Schnellimbiss, danach schlendere ich durch die hübschen Straßen und besuche einige Buchhandlungen und Comic-Shops. Um Viertel nach vier erschöpft zurück im Hotel, mit zwei Büchern von Chris Kraus und Eileen Myles.

Mittwoch, 30. Mai, Philadelphia

Um halb sieben Wecker. Ich habe eine leichte Magenverstimmung. Ich schreibe eine E-Mail, danach lese ich Chris Kraus. »Aliens & Anorexia« rettet mir den Morgen. Schlaf, hinterher ziehe ich mich an und verlasse das Hotel. Bei 7-Eleven kaufe ich mir eine Brezel, danach schlendere ich zum Love-Park und schaue mir anschließend die Pennsylvania Academy of Arts an, an der David Lynch studiert hat. Um kurz nach drei wieder im Zimmer. Schreibtisch, Tagebuch und lesen. Auf Wikipedia entdecke ich einen interessanten Hinweis: »Bis in das 18. Jahrhundert hinein war für den Autor von Romanen die Bezeichnung Romanist reserviert […] Romanist hatte einen stark abwertenden Beigeschmack für Personen, die ihr Geld im Skandalgeschäft mit Texten verdienten, von denen ein guter Teil erfunden, anderes dagegen in skandalöser Weise wahr sein konnte, und die sich jederzeit bei Klagen gegen ihre Schreibart darauf zurückzogen, doch ›nur‹ einen Roman, eine freie Erfindung geschrieben zu haben.« Dann weiter Chris Kraus. Es ist ein wahnsinnig tolles Buch und ich kann kaum aufhören mit dem Lesen.

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TORONTO

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