SUKULTUR WIRD 100.000!

Sofie Lichtenstein und Moritz Müller-Schwefe werden Herausgeber der Reihen »Schöner Lesen« und »Aufklärung und Kritik«

1996 starteten die Leseheftreihen »Schöner Lesen« und »Aufklärung und Kritik«. Seit 2003 gibt es die Hefte nicht nur in Buchhandlungen, sondern auch in Süßwarenautomaten. In den Leseheftreihen erschienen größtenteils als Erstveröffentlichungen Erzählungen und Gedichte von deutschsprachigen Autoren, u.a. von Ann Cotten, Dietmar Dath, Tanja Dückers, Wolfgang Herrndorf, Monika Rinck, Clemens Setz und David Wagner, aber auch Übersetzungen von u.a. Washington Cucurto, Chris Kraus und Sarah Manguso.

In diesem Monat nun feiert SuKuLTuR ein rundes Jubiläum, denn im Oktober 2015 wurde das 100.000ste Leseheft in einem Berliner Süßwarenautomaten verkauft. Ab dem 1. November 2015 werden zudem Sofie Lichtenstein, geboren 1989 in Neuruppin, und Moritz Müller-Schwefe, geboren 1990 in Frankfurt a. M., die neuen Herausgeber der Reihen. Sie lösen damit Marc Degens ab, der von 1996 bis Oktober 2015 die Texte der Reihen ausgewählt und gemeinsam mit Torsten Franz und Frank Maleu insgesamt 158 Lesehefte herausgegeben hat.

Im November 2015 startet darüberhinaus die SuKuLTuR-Lesereihe Automatendichtung im Ori in Berlin-Neukölln (Friedelstraße 8, 12047 Berlin, U-Bahnhof Hermannplatz). An jedem zweiten Freitag des Monats werden hier SuKuLTuR-Autoren ihre Texte vorstellen. Die Auftaktlesung bestreitet die Leseheftautorin und neue Herausgeberin Sofie Lichtenstein am 13. November 2015.

Links:

Ein Podcast mit den beiden neuen Herausgebern erscheint als zweite Folge von radio satt. Meinolf Reul im Gespräch mit Sofie Lichtenstein und Moritz Müller-Schwefe: radio.satt.org

Automatendichtung: automatendichtung.de

Verlagshomepage: sukultur.de

Literatur und Geselligkeit. Die Begeisterungsshow im Berliner Kaffee Burger. Von Michael Rutschky.

Diese Geschichte ist kompliziert. Sie handelt von dem Quellort einer neuen Avantgarde, die sich hier regelmäßig versammelt, im Berliner Kaffee Burger, wobei man das „Kaffee“ nicht französisch schreibt, sondern wie das deutsche Wort. Ein schwer ostig inszeniertes Lokal in der ehemaligen Wilhelm-Pieck-Straße, halbdunkel-gemütlich, ornamentierte Tapeten, unbequeme Stühle.

Radio Hochsee heißt beispielsweise eine Veranstaltung, die hier regelmäßig stattfindet. Oder eben Begeisterungsshow, von der jetzt erzählt wird. An jedem letzten Montag des Monats rollt sie ab, und man könnte sie als eine Art performatives Feuilleton charakterisieren, wenn das viel sagen würde.

Aber die Geschichte ist eben kompliziert. Ein Internet-Magazin namens satt Punkt org veranstaltet die monatliche Begeisterungsshow und ist gleichzeitig mit einem Kleinstverlag namens SuKuLTuR vernetzt, der gelbe Lesehefte – wie von Reclam – publiziert. Wer drei Euro Eintritt bezahlt, bekommt das neueste Exemplar. Gestern war es Moldawien von Timo Berger, eine deutsch-lateinamerikanische Liebesfarce in 17 Druckseiten, mit zwei schönen Zeichnungen von Ana Albero. Außerdem erhält der Besucher der Begeisterungsshow ein Los; denn es findet dabei eine Tombola statt. Bücher waren diesmal die Preise, das Juniheft der Zeitschrift Merkur, Musik-CDs und außerdem – für Leute, die weder lesen noch Musik hören – ein Tischstaubsauger, ein Laserpointer und eine Schachtel mit Messerbänkchen.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: dies ist nicht Kabarett mit Publikumsbeteiligung (alle Gewinner wählten übrigens den Lese- und Hörstoff). Der Gestus, den die Moderatoren kultivieren – Marc Degens und Frank Maleu, auf der Bühne an den Laptops zu sehen ist außerdem Torsten Franz, der das Bildprogramm, auf die Stirnseite projiziert, steuert – , der Gestus der Begeisterungsshow ist der einer kunstvollen Kindlichkeit, der Begeisterung eben, wie sie auch Harald Schmidt in seiner Fernsehshow vorzuführen liebte. Was Degens und Maleu und die Ihren präsentierten, begleiteten sie immer wieder mit der Formel „und das hat mich begeistert“. Kulturkonsum unter Hochrufen, sozusagen, als ästhetische Veranstaltung vor einem Publikum, das, zwischendurch Bier und andere Getränke an der Theke holend, auch leise plaudernd, so etwas zu goutieren versteht.

Was begeisterte aber? Homers Ilias beispielsweise, in der Übersetzung von Wolfgang Schadewaldt, gelesen von Rolf Boysen: Schauer laufen ihm über den Rücken, gestand Tobias Lehmkuhl und kam artig auf die abendländische Literatur zu sprechen, die von Homer ihren Ausgang nehme. Dazu gab es ein Bild des schönen Brad Pitt, der Achill in Wolfgang Petersens Troja-Film, zu bewundern. Und natürlich kein kritisches Wort über diesen Film, sondern nur Begeisterung.

Sie entfachte auch die Musik von Felix Kubin und von den Boxhamsters aus Gießen, des Trios Der Plan, das sich eben neu formiert hat und glorreich in die Neue Deutsche Welle der Achtziger zurückführt. Marc Degens befragte den maulfaulen Moritz Reichelt, dessen von Südseekunst inspirierte Malerei unterdessen als Projektion zu sehen war. Ja, alles dicht vernetzt eben: Reichelt ist auch Maler (er gehörte seinerzeit locker zu den Jungen Deutschen Wilden), und was er über Der Plan erzählte, führte in die verwickelten Genealogien, die solche Musiker verbinden und von ihren Fans wie kostbares Bildungswissen gehortet werden. Vernetzung eben, die, neben der Begeisterung – wenn man neuen Managementlehren folgt – , einen modernen Betrieb charakterisieren (den alten Betrieb charakterisierten Hierarchie und Lähmung). Auch in dieser Hinsicht ist das Kaffee Burger also auf der Höhe der Zeit.

Sodann begeisterten gestern abend ein palästinensischer Experimentalfilm und die Comics von James Kochalka – aber dies hier ist ohnedies nur eine Auswahl. Wer im Netz auf satt Punkt org geht, den überschütten Informationen; und das Kaffee Burger findet sich in der Torstraße 60; durch Goldfarbe gehöht glänzt der Name in den Fenstergittern.

 (Gesendet im Deutschlandfunk, Kultur heute, 1. Juni 2004)