Freitag, 26. Mai 2017, Burlington

James Kochalkas fünfzigster Geburtstag. Bis neun Uhr ausgeschlafen und um kurz nach zehn zum Frühstück. Traurige Nachricht auf Twitter: Denis Johnson ist im Alter von siebenundsechzig Jahren gestorben. »Train Dreams« ist eines meiner Lieblingsbücher und »Jesus’ Son« hat damals einen Rieseneindruck auf mich gemacht. Im Internet lese ich, dass Johnson »Jesus’ Son« geschrieben hatte, um seine Steuerschulden zu bezahlen: »Jesus’ Son was an act of literary desperation. There had been a second divorce and a call from the IRS asking him to please pay the $10,000 he owed. Bankrupt, Johnson turned to some ›memories‹ he’d jotted down years back – vignettes of his drug-abusing past that he never considered publishing – and sent them to The New Yorker. To his surprise, several were accepted. Fortified with $4,000, Johnson contacted Jonathan Galassi, his editor and the president of Farrar, Straus & Giroux. ›I told him, ‘I’ll make you a book of short stories; all you have to do is pay off the IRS.‹«

Überteuertes Frühstück in einem Pancake-Laden, danach Bummel durch die verregnete Innenstadt. Besuch einer Kunstgalerie, danach Einkehr in einer gemütlichen Teestube, in dem ein junger Mann mit Hut an einem Tisch sitzt und einen Stapel Papierbögen mit der Hand zusammennäht. Nachdem er am Tresen bezahlt hat, nimmt er seine Tasche und einen Geigenkoffer vom Boden und verlässt die Teestube – was für ein idyllisches Bild!

Auf Twitter lese ich einen Tweet von Austin Kleon (»Steal like an Artist«), der James Kochalka zum Geburtstag gratuliert und einen schönen Diary-Eintrag von ihm zitiert: »Maybe I don’t need to be an artist. I think I could be satisfied just with being an awesome dad«. Das führt zu meinen grundsätzlichen Gedanken, dass das Leben wichtiger als die Kunst ist und das Hauptwerk des Künstlers stets sein Leben sein sollte.

Austin Kleon zitiert zudem folgenden Satz von Kochalka: »Here’s what I’m trying to do with my life and my work. I’m trying to fully integrate everything. So the transition from work to play to everyday life is all seamless. So that it’s all one thing. There’s no difference between living and making art. I’ve gotten really close. Music, comics, writing, painting, playing with Eli, doing dishes, cooking, all that, fully integrated into one seamless unit. That’s pretty much my goal...«

Um Viertel nach sechs in die Stadt zum American Flatbread Restaurant, das uns James Kochalka empfahl, in dem sich aber eine Riesenwarteschlange gebildet hat. Wir gehen weiter, suchen und finden El Cortijo, ein mexikanisches Diner und ebenfalls eine Empfehlung von James, in dem wir glücklicherweise noch einen Platz finden. Das Essen ist hervorragend, hinterher machen wir noch einen kurzen Abstecher ins Hotel, laufen danach zum ArtsRiots und kommen dort um kurz vor zwanzig Uhr an.

Der Auftrittsort ist eine große scheunenartige Halle mit einer Bühne, einer kleinen Bar und mehreren Sitzecken. Es gibt auch noch eine angeschlossene zweite Bar und einen Freiluftbereich mit mehreren Foodtrucks. Der Konzertraum hat etwas von einer Dorfdisco und ist sehr gemütlich – so wie die ganze Stadt mit ihren Studenten, der Fußgängerzone, den Bergen und dem Lake Champlain. Insgesamt spielen am Abend vier Bands. Bevor das Konzert losgeht, spreche ich James Kochalka an, lasse mir die mitgebrachten Bücher signieren und kaufen ihm für sechzig Dollar ein winziges Bild ab. Er ist supernett zu mir und die ganze Atmosphäre extrem familiär. Ich sehen Amy, Eli, seine Bandkollegen, auch seine Mutter ist unter den Gästen.

Um kurz nach halb neun fängt die erste Band zu spielen an, danach spielt James Kochalka einen kurzen Gig mit seinen alten Bandkollegen: »Magic Finger«, »Hockey Monkey« und »Monkey vs. Robot«. Die Band ist großartig und hat viel Spaß, sie besteht aus Mitgliedern von The Zambonis, einer Gruppe, die nur Lieder über Hockey machen. Auf der Bühne ist ebenfalls der Multi-Instrumentalist und Musikproduzent Peter Katis, der auch Mitglied bei James Kochalka Superstar und The Zambonis war, schon Platinschallplatten erhalten und u.a. Alben von The National produziert hat.

Die Stimmung ist wunderbar und extrem ausgelassen. Danach spielen Uncle Monsterface aus Brooklyn, sehr lustig, zum Schluss James Kochalka mit seiner Band aus Burlington inklusive Jason Cooley, der in den Comics von James immer als Hund dargestellt wird. Es ist ein Mega-Auftritt mit vielen liebgewonnenen Liedern und ich filme mit meiner Kamera bestimmt den halben Auftritt. Mitten im Konzert macht James fünfzig Liegestütze und bekommt eine Geburtstagstorte überreicht.

Er verschenkt CDs, außerdem Poster und einen tollen Fungus-Druck, den ich bekomme. Um halb eins ist das Konzert zu Ende und wir sind ganz begeistert und glücklich. Erst auf dem Heimweg wird mir klar, wie viel James Kochalka mir bedeutet und welchen Einfluss seine Arbeit auf mich hatte: Seine Bücher und Gedanken – »Kissers«, »Quit your job« und »Craft is the enemy« – und die Intimität seines tägliches Internettagebuchs. Es ist nicht notwendig, dass ein Künstler, den man mag, sympathisch ist, aber es ist toll, wenn es so ist.