Toronto

Trudeau Triumphs

Dienstag, 20. Oktober 2015, Toronto

Um fünf Uhr fünfundvierzig wachgeworden und aufgestanden. The Globe and Mail titelt »TRUDEAU TRIUMPHS«. Das Foto zeigt Justin Trudeau nach der Verkündung des Wahlergebnisses auf der Parteiversammlung von seiner pelzbemantelten Mutter umarmt und geküsst wird – im Hintergrund ein riesiges rotes Ahornblatt auf weißem Grund. Disco Chic trifft auf sozialistischen Realismus.

Um fünf Uhr Ortszeit, elf Uhr in Deutschland, ist die SUKULTUR-Pressemitteilung auf satt.org, Minimore und dem Hotlistblog veröffentlicht worden. Alexandra fragt mich, ob ich traurig bin, weil ich jetzt nach neunzehn Jahren die Herausgeberschaft der beiden Leseheftreihen abgebe, doch ich spüre in erster Linie Freude und auch ein bisschen Erleichterung. Beim Kaffee suche ich Adressen der Autoren und Illustratoren zusammen und verschicke um sieben Uhr zweiunddreißig meine Dank-Mail. Danach Schreibtisch, Social-Media-Kram und E-Mails. Ich bekomme einige Antworten, Glückwünsche und Fragen zur Manuskripteinsendung. Auf Minimore stelle ich neue Titel ein. Hinterher Spaziergang, Mittagessen und Mini-Einkauf bei No Frills. Im Antiquariat erstehe ich eine hübsche kleine Klassikerausgabe von Robinson Crusoe. Lesen und Schlaf, um vierzehn Uhr fünfundvierzig Fußball, Arsenal gegen Bayer, zwei zu null. Ich habe ein traumhaftes Leben, trotzdem fühle ich mich heute ein bisschen matt. Baseball und dabei die Korrekturen von Jan Drees aufbereitet und weggeschickt. Die Blue Jays gehen im vierten von maximal sieben Spielen mit vierzehn zu zwei gegen die Royals aus Kansas unter.

Um zwanzig Uhr dreißig fahre ich zum Peaches Konzert. Ich steige an der Sherbourne Station aus, schlendere über das Gelände einer koreanischen Kirche, dann laufe ich durch eine Hochhausgegend und komme mir vor wie im Märkischen Viertel. Der Konzertort, das Phoenix Concert Theatre, erinnert mich wiederum an den Festsaal Kreuzberg, er ist allerdings deutlich größer. An der Bar bestelle ein Bier und nehme es mit in den Saal. Die Vorband spielt schon. Deep Valley, zwei Frauen. Gesang, Schlagzeug, Gitarre, Rock’n’Roll. Schön laut und cool und trashig. Der ideale Soundtrack für das Shoxs oder Cherry Cola’s.

In der Umbaupause hole ich mir noch ein Bier und stelle mich mit Ohrstöpseln in die Mitte vor die Bühne. Mein Platz ist ideal, der Vorhang geschlossen. Um kurz vor zehn betritt die Mutter von Peaches in einem rotweißgestreiften Pullover die Bühne und liest eine Erklärung ihrer Tochter vor. Alle jubeln und freuen sich, weil der junge, schöne Justin Trudeau, die Hoffnung Kanadas, am Vortag die Wahl gewonnen hat. In beiden Händen hält Peaches’ Mutter eine Maple-Leafs-Nationalflagge und schwenkt sie wild, dann stimmt sie die kanadische Nationalhymne an und der ganze Saal fängt an zu singen. O Canada! Es ist ein absolut surrealer Moment und ich versuche mir vorzustellen, wie Rammstein am Tag nach der Bundestagswahl in der Waldbühne auftritt, der Vater von Till Lindemann eine Erklärung seines Sohnes vorliest, sich alle über den Wahlsieg der SPD freuen und zusammen Einigkeit und Recht und Freiheit anstimmen.

Langsam öffnet sich der Vorhang. Wie eine Außerirdische steht Peaches breitbeinig in der Mitte der Bühne. Der Beat dröhnt und hämmert und die Show beginnt. Rub. Rub. Rub. Bitch rub. Das Konzert ist eine wilde Fetischparty mit abgedrehter Musik und zwei hingebungsvollen Bühnentänzern. Vaginakostüme, blinkende Gebisse, Gruppensexchoreographien, Lovertits. Ich habe Peaches schon einmal vor vielen Jahren in Berlin gesehen, doch dieser Auftritt ist viel geiler. Plötzlich schwebt ein riesiges begehbares Kondom über unseren Köpfen und Peaches steht singend direkt über mir. Dick! Dick! Dick! Dick in the air! Alle tanzen. Ich bin auf dem besten Konzert seit The Knife und freue mich und bin auch ein bisschen erleichtert, denn die letzten Konzerte, die ich besucht hatte, hatten mir überhaupt nicht gefallen und ich wusste nicht, woran es lag, an mir und meinem Alter oder den Bands.

Peaches stellt sich an den Bühnenrand, öffnet zwei Champagnerflaschen, schüttelt sie und spritzt wie ein Formel-1-Rennfahrer ins Publikum. Die Bühne wird gestürmt und ist voll mit Tanzenden. Fuck the pain away. Peaches gibt mehrere Zugaben und singt in einem grünen Glitzeroberteil mit riesigen nackten Plastikbrüsten. Glücklich laufe ich hinterher zur Metrostation und kaufe mir in einem asiatischen Kiosk einen Mister Big-Schokoriegel. Mit der U-Bahn fahre ich heim und bin um kurz vor Mitternacht zuhause. Thank you so much, Toronto!

#peaches #thankyoutoronto

Ein Beitrag geteilt von Marc Degens (@selfiesohneselbst) am



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