Thanksgiving

I quit my job just to quit.
I didn't quit my job to write fiction.
I just didn't want to work anymore.
DON DELILLO

In der Nacht schlecht geschlafen und oft wachgeworden. Um halb acht Wecker. Kaffee und lesen im Bett, danach kurze Gymnastik, Knieübungen und Obstfrühstück. Anschließend an Sadie gearbeitet und Notizen wegsortiert. Es macht Spaß, sich auf die Themen einzulassen, Filme und Dokumentationen zu schauen, Bücher und Comics zu lesen – jeden Fitzel, der greifbar ist. Das Problem ist nur, dass man nicht alles verwenden kann, weil der Roman sonst platzt. Das ist ein typischer Anfängerfehler. Als Vierundzwanzigjähriger habe ich ihn begangen und alles, was ich wusste, konnte, geschrieben und gelesen hatte, in meinen Erstling gequetscht. David Foster Wallace bezeichnet Debütromane deshalb zurecht als »big shits«.

Um zwölf Uhr Mittagessen und bis halb zwei Computerkram. Joachim Feldmann schickt mir eine E-Mail und lädt mich ein, einen Beitrag für die fünfundsiebzigste Am-Erker-Ausgabe zu verfassen. Das Thema lautet »Silhouetten und Profile«, der Redaktionsschluss ist Mitte April nächstes Jahr.

Mittagsschlaf, danach Kaffee und Schreibtisch. Mit Tee und drei kleinen Bieren weiter an Sadie geschrieben. Ich erinnere mich daran, wie Wolfgang Herrndorf und ich in seiner Küche zusammensaßen und uns darüber unterhielten, was der richtige Bierpegel zum Korrigieren und Textfeilen sei und wir beide ganz begeistert waren, als wir auf denselben Wert kamen.

Lachsbagel und ein Apfel, danach Reisevorbereitungen, E-Mails und Abgleiten in die Blogarbeit. Mit Guillaume Morissette verabrede ich ein Treffen nächste Woche in Montreal. Gedanken an die Am-Erker-Anfrage und Idee für einen Text über das Glück. Als Kind verbrachte ich die Ferien oft bei meinen Großeltern, die in Katernberg wohnten, inmitten einer alten Zechensiedlung. Sie wohnten über einer Kneipe, die vor langer Zeit ein beliebtes Ausflugslokal gewesen war, mit einem großen Teich hinterm Haus, auf dem man Bötchen fahren konnte. In dem Teich gab es auch eine Insel mit einem Haus, es war ein doppelstöckiger Holzbau mit einer Treppe zur Veranda und einem Giebeldach. In meiner Kindheit war der Teich aber schon ausgetrocknet und das Haus verfallen. Die Fensterscheiben waren eingeschlagen, die Stufen morsch und im Fußboden und an der Decke fehlten Bretter.

Entlang der Straße, in der mittlerweile meine Romanfiguren Marthe, Sina, Scott und Bo zusammen im Bolsterbaumhaus wohnen, standen kleine, rote, oft baufällige Zechenhäuschen, in denen ausschließlich türkische Familien lebten. Ich mochte die Gegend und das Umherwandern, allein oder mit meinem Großvater, es hatte schon damals etwas Anachronistisches und aus der Zeit Gefallenes. Inzwischen sind alle Zechenhäuser abgerissen worden und durch neue, dicht an dicht stehende und nur durch Hausnummern unterscheidbare Reihenhäuser ersetzt worden. Wahrscheinlich wissen die Leute, die heute in den Häusern wohnen, gar nicht, wie es früher hier aussah, und ich möchte ihnen zurufen: Hey, ihr lebt auf einem Friedhof!

Um kurz vor sieben Feierabend und im Pullover Spaziergang durch die Nachbarschaft. Es ist ein wunderbar lauer Abend. Ich fotografiere das Haus mit dem lila angestrahlten Motorrad auf dem Balkon und den Lichtgirlanden um den Baum und veröffentliche das Bild als Erinnerung für mich auf Instagram. Dass andere das Foto auch sehen können, ist allerdings ein schöner Nebeneffekt. Genauso verhält es sich mit dem Schreiben.

Montag, 9. Oktober 2017, Toronto

Trottelfiguren

»In der Kunstproduktion dagegen fällen Leute, die einen nicht kennen und die man selber auch nicht kennt, plötzlich Urteile in der Zeitung. Eigentlich über das Buch, aber weil Literaturkritik sich mit Werkkritik immer weniger aufhält, rutscht das dann immer gleich ins Persönliche. Da steht dann zum Beispiel, dass man ein typischer Vertreter seiner Generation ist, oder ein Slacker, oder Hegelianer. Alles Dinge, von denen man selbst noch gar nichts wusste. Oder die Trottelfiguren, die man als Erzähler auffährt, seien unverhohlene Selbstporträts.« (Wolfgang Herrndorf in: Rasmus Engler/Jörn Morisse, Wovon lebst du eigentlich?)